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Print-Magazin "Tichys Einblick":"Schande für den Journalismus"

Im Finanzen Verlag herrscht bei Mitarbeitern und Betriebsrat Unmut über "Tichys Einblick". Die Geschäftsführung beschwichtigt.

Von Aurelie von Blazekovic

"Liebe Leser, die vergangenen Tage waren schwer. Was Satire darf, entscheidet sich nach politischem Standort." Diese Nachricht erhält, wer dieser Tage einen Artikel auf der Webseite von Tichys Einblick anklickt. Weiter dankt der Text den "vielen neuen Lesern", die das Magazin in den vergangenen Tagen erst kennengelernt hätten, und bittet um Unterstützung. Benannt wird der Grund für die Aufmerksamkeit für Tichys Einblick zwar nicht, aber offensichtlich ist die Aufregung nach den frauenfeindlichen Äußerungen in einem dort erschienenen Text gemeint. "Eine Schande für den Journalismus" nannte ihn ein Kommentar des Deutschen Journalistenverbands.

Im Magazin Tichys Einblick war die SPD-Politikerin Sawsan Chebli mit sexistischen Sätzen diffamiert worden. Aus Protest kündigte daraufhin Dorothee Bär (CSU), Staatsministerin für Digitales, ihre Mitgliedschaft in der Ludwig-Erhard-Stiftung, der Roland Tichy seit 2014 vorsitzt. Schließlich hieß es in einem Schreiben des Stiftungs-Vorstandes an die Mitglieder, dass Tichy bei der am 30. Oktober anstehenden Wiederwahl nicht mehr antreten werde. Für persönliche Verletzungen entschuldige man sich, so eine Stellungnahme von Tichys Einblick.

Über Tichy herrscht aber auch an anderer Stelle Unmut: Im Münchner Finanzen Verlag erscheint Tichys Einblick als Print-Magazin. Das Portfolio des Verlags umfasst außerdem die Geld- und Wirtschaftsmagazine Euro und Euro am Sonntag, sowie Börse Online und neuerdings Courage, ein Finanz- und Karrieremagazin für Frauen. In der Belegschaft fürchtet man offenbar schon lange und nun verstärkt einen Reputationsschaden durch Tichys Einblick. Der Betriebsrat des Verlags schrieb nun einen Brief an die Geschäftsführung.

Der Geschäftsführer des Finanzen Verlags, Frank-B. Werner, sagte gegenüber der SZ dazu: "Geschmacklosigkeiten gehören in keines unserer Produkte." Niemand bedauere mehr als der Autor des Beitrags, Stephan Paetow, "dass seine Satire so völlig daneben gegangen ist", so Werner. Paetow, langjähriger stellvertretender Chefredakteur des Focus, sei stets als großer Spötter, niemals aber als Sexist aufgefallen. Auch Roland Tichy habe die Entgleisung ausdrücklich bedauert und klargestellt: "Tichys Einblick kritisiert und attackiert - befasst sich dabei aber mit politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen und wird nicht persönlich. Das wollen wir auch in Zukunft so halten. Sachliches Streiten tut unserem Land gut. Das Eingeständnis von Fehlern auch."

Der Finanzen Verlag nehme diesen Vorfall zum Anlass, bei Redaktion und Schlussredaktion der Blätter, Webseiten und Social-Media-Auftritte sowie bei öffentlichen Äußerungen noch aufmerksamer zu sein. "Im Zweifelsfall sollten wir eine Pointe besser verschenken. Ganz besonders gilt das für solche mit sexistischer oder rassistischer Konnotation - oder wenn die Möglichkeit besteht, dass eine solche Konnotation hineininterpretiert werden kann." In diesem Sinne habe die Geschäftsführung auch dem Betriebsrat des Verlags auf seinen Brief geantwortet.

Auf die Frage, worin für den Verlag die Motivation besteht, Tichys Einblick, das der Publizist 2014 als Online-Portal startete, seit 2016 als Magazin zu verlegen, sagte Frank-B. Werner: "Die Motivation unseres Tuns ist, mit dem Verlegen von journalistischen Angeboten Geld zu verdienen." Ein Titel müsse dabei nicht zu den "anderen Bestandteilen des Portfolios" passen.

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