Themenschwerpunkt Wenn die letzte Zeche schließt

Am 21. Dezember endet eine Epoche. Man ist vorbereitet. Es wird emotional werden. Alle senden.

(Foto: Broadview TV)

Dokumentationen, Digitalprojekte und Gottesdienst­übertragungen: Deutsche Medien widmen sich gerade sehr intensiv dem Ende des Steinkohle-Bergbaus im Ruhrgebiet. Ein Überblick.

Von Claudia Tieschky

Eine Art Silicon Valley also. Natürlich ist es ein smartes Schlagwort, das der Historiker Dietmar Osses da im Film bringt, wenn er vom Aufstieg des Ruhrgebiets Ende des 19. Jahrhunderts spricht. Aber stimmt es? Jedenfalls zieht es. Die Verwandlung der Welt durch das Internet ist ja geläufig. Dass die Steinkohle Auslöser für etwas ähnlich Radikales für alle Lebensbereiche in kürzester Zeit bedeutete, davon handelt eine sehenswerte zweiteilige Dokumentation von Jobst Knigge und Manfred Oldenburg, die diese Woche in der Arte-Mediathek zu sehen ist.

Den Steinkohleabbau erlebt man heute nur noch von seinem Ende her, Subventionen, Luftverschmutzung, Kumpelmythos, die Neuerfindung des Ruhrgebiets. Die verblüffend anschauliche Erkenntnis, die dieser Film liefert: Selbst in der kleinen menschlichen Lebenszeit bemessen war die Ära der Steinkohle in Deutschland eine kurze Epoche. Es ist faszinierend, das wie im Zeitraffer zu sehen. Selten bekommt man das Gefühl vom Wandel der Welt, von Zivilisationsgeschichte so exakt zu fassen wie in dieser fast dreistündigen Produktion über das "Drachenfutter des Industriezeitalters", wie es im Film heißt.

Das Ende hat ein Datum: Am 21. Dezember schließt die Zeche Prosper Haniel in Bottrop, es ist die letzte in Deutschland. "Darauf sind alle vorbereitet, aber trotzdem wird das Datum Emotionen auslösen", prophezeit Armin Laschet, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen im Film. Es wird einen Festakt geben, bei dem der Bundespräsident Walter Steinmeier und Laschet das letzte Stück Kohle aus Prosper-Haniel fördern, und all das ist, nicht nur in NRW, auch ein Medienereignis, dem das Fernsehen gerade viele Sendungen widmet. Der WDR hat unter glueckauf.wdr.de ein virtuelles Bergwerk gebaut. Damit lässt sich über eine interaktive Navigation die Arbeit unter Tage und die Kumpelsprache erleben, das geht im Browser und als Virtual Reality - die Sache mit Brille und 3-D erwies sich im Selbstversuch allerdings als zähes Unternehmen.

Auf künstlichem und künstlerischem Weg erhalten werden muss in Zukunft jedenfalls auch die Herkunfts-Saga dieser Gegend und ihrer Identität. Das haben schon lange vor den finalen Festreden zum Beispiel die Fotografen Hilla und Bernd Becher begonnen, als sie Industriebauwerke unterschiedlichster Formen dokumentierten mit einer enzyklopädischen Anmutung, die an Werken zur Botanik erinnert.

Aus der Notwendigkeit, Wasser aus Gruben zu pumpen, wurde die Dampfmaschine erfunden

Die Qualität des Films von Knigge und Oldenburg kommt daher, dass er sich dem Thema wissenschaftshistorisch, gesellschaftlich und emotional nähert. Die Informationen sind so dicht, dass man gern dabeibleibt. Und es geht Schlag auf Schlag: Aus der Notwendigkeit, zulaufendes Wasser aus den Gruben zu pumpen, wurden im 18. Jahrhundert erste Dampfmaschinen erfunden, die - ihrerseits mit Kohle betrieben - keine industrielle Infrastruktur am Einsatzort brauchte, sondern sie dort schufen. Eins ergab das andere. Eine Dampfmaschine auf Rädern wurde die Eisenbahn, die Kohle transportierte und Menschen in die neuen Industriezentren. Man sieht der Entstehung der Welt zu, wie wir sie kennen.

Eine halbe Million Menschen wanderte bis zum Ersten Weltkrieg ins Ruhrgebiet ein, erfährt man, die meisten aus Polen. Die sensationell unsentimentalen älteren Herren, die im Film zu Wort kommen, ehemalige Kumpel, aber auch der Sportreporter Werner Hansch, rücken das romantische Bild vom sozialen Schmelztiegel Ruhrgebiet zurecht, wenn sie von ihren eigenen Familien erzählen. Der Historiker Heinrich Theodor Grütter, Direktor des Ruhrmuseums in der Zeche Zollverein, beschreibt Ausgrenzung und Gewalttätigkeit; das Wort Parallelgesellschaft fällt. Polnische Arbeiter mussten katholische Mädchen heiraten, also meistens polnische. Als auf der Zeche Consolidation in Gelsenkirchen 1904 Schalke 04 gegründet wird, besteht die Hälfte der Belegschaft aus Einwanderern aus Masuren, der Verein wird verächtlich "Polackenverein" genannt.

Gelegentlich wirft der Film Seitenblicke nach Großbritannien und Frankreich, die geologisch betrachtet am selben Kohlevorkommen buddeln; die Arbeitsbedingungen blieben lange überall erbärmlich, Emile Zola schrieb davon in "Germinal", dem Roman eines Bergarbeiteraufstands. Zwischen 1886 und 1906 starben laut Statistik im Steinkohlebergbau Preußens 22 000 Bergleute. Schrecklich anschaulich wird das im Labor gemacht, bei der Demonstration einer Methangas-Explosion in einer langen Röhre - und dann einer zweiten unter Einwirkung von Kohlenstaub. Der Unterschied ist verheerend. Unglücke wie das in der Zeche Radbod im Jahr 1908, bei dem die Grubenleitung schließlich fluten ließ und bei dem mehr als 300 Menschen starben, machten die Verhältnisse im Bergbau zur politischen Frage. Bei der Katastrophe im nordfranzösischen Courrières eilten 1906 Hilfskräfte aus dem Ruhrgebiet an - Georg Wilhelm Pabst drehte aus dem Stoff im Jahr 1931 den Film Kameradschaft - ein leidenschaftliches Plädoyer für die Völkerverständigung.

Wenn man an der Doku unbedingt mäkeln will, dann an der Musik, die dem Zuschauer und seinem Gefühl stets die Richtung vorgibt, wie einer Kuh auf dem Weg zum Stall, da gibt es kein Entkommen. Geht es um Krieg oder Unglücke, fiept es verlässlich melancholisch. In Kapiteln über den Aufstieg jubelt der Sound vor Emsigkeit und erinnert entfernt an Wochenschaumusik. Wenig Untermalung braucht die Erinnerung des Bergmanns Hans Mohlek an sein erstes Mal unter Tage, Jahrzehnte her: "Ich war überrascht, wie groß es da war. Groß, hell. Als wir dann weiter in das Bergwerk hineingegangen sind, wurde es immer enger, und dunkler, es wurde wärmer, da hat mein Mut doch so ein bisschen nachgelassen. Da hab ich dann tatsächlich gedacht: Musst du das haben? Willst du das wirklich? Eigentlich nicht."

Die Steinkohle, Arte, zwei Teile, Wiederholung am 12. und 13. Dezember um 9.25 Uhr und bis 10. Dezember abrufbar in der Arte-Mediathek. Eine 90-Minuten-Fassung im ZDF, 19. Dezember, 0.30 Uhr. Im ZDF außerdem zum Thema: Kohle, Kumpel und Kultur, Wehmut und Wandel im Revier, 23. Dezember, 19.15; die Ausgabe Volle Kanne am 28. Dezember, 9.05 kommt aus der Zeche Prosper-Haniel. Der WDR zeigt am 8. Dezember um 16.30 Uhr den Film Kohle im Blut - ein Jahr im Leben einer Bergmannsfamilie und um 21.45 Uhr die Schicht im Schacht - aber nicht Schluss mit lustig - Die Ruhr-Show; sowie am 20. Dezember um 17 Uhr einen ökumenischen Gottesdienst zum Abschied von der Steinkohle. Am 21. Dezember widmet sich das Programm ab 13.15 Uhr bis zum Abend dem Thema. Eine Fahrt durchs virtuelle Bergwerk bietet das Projekt glueckauf.wdr.de (VR-fähig).