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Britische Boulevardpresse:Das Gift von gestern

Subtil war sie noch nie: "BeLEAVE in Britain" schrieb die Zeitung vor dem Brexit-Referendum 2016.

(Foto: Daniel Sorabji /AFP)

Rupert Murdoch setzt den Wert seines britischen Boulevarblatts "Sun" in den Bilanzen auf null. Ist es das Ende einer Ära?

Von Alexander Menden

Eine ziemlich große Demütigung musste Rupert Murdoch bereits im Juni vergangenen Jahres hinnehmen. Da meldete die Daily Mail, ihre Auflagenzahlen hätten die ihres ewigen Krawallblatt-Konkurrenten, Murdochs Sun, überholt. Damit hatte die Mail die Sun zum ersten Mal seit 1978 beim Kampf um die Krone als bestverkaufter britischer Printtitel geschlagen. Die Sun hatte im vorangegangenen April aufgehört, die Stückzahl verkaufter Zeitungen zu veröffentlichen, da hatte sie mit 1,21 Millionen noch knapp vor der Mail mit 1,13 gelegen.

Nun, ein Jahr später, kommen aus dem Mutterhaus der Sun, News Group Newspapers, noch weit erstaunlichere und für die Boulevardzeitung extrem unerfreuliche Nachrichten: Laut den jüngsten Bilanzunterlagen hat Rupert Murdoch, seit Jahrzehnten einer der einfluss- und erfolgreichsten, zugleich aber auch umstrittensten Medienunternehmer der Welt, den bilanziellen Wert der Sun auf null gesetzt. Das Gleiche widerfuhr dem Schwesterblatt Sun on Sunday. Die von News Group angegebene sogenannte "Werthaltigkeitsreduktion" in Höhe von umgerechnet 97,7 Millionen Euro bedeutet zudem, dass die Titel nach Einschätzung des Verlags nicht zu einem positiven Wachstum zurückkehren werden.

Einer der Gründe für diesen Abstieg ist zweifellos die dramatische Entwicklung auf dem Printmarkt seit Beginn der Covid-19-Pandemie. News Group Newspapers hatte bereits im vergangenen Geschäftsjahr, das im Juni 2020 endete, einen Vorsteuerverlust von mehr als 233 Millionen Euro erlitten. Das war eine Verdreifachung im Vergleich zu 2019. Anzeigen- und Verkaufserlöse bei Sun und Sun on Sunday sanken im Vergleich zum Vorjahr um 23 Prozent. Damit erreichten beide Blätter zusammen allerdings noch immer einen Umsatz von umgerechnet rund 378 Millionen Euro.

Große Summen verlor der Konzern durch Zahlungen an Opfer des Abhörskandals

Weitaus schwerwiegender sind allerdings die Verluste, die sich aus außergerichtlichen Einigungen in der Folge des britischen Abhörskandals ergaben. 2011 war das Vorgängerblatt der Sun on Sunday, die News of the World (NotW), eingestellt worden, nachdem sich die Redaktion mit dem Vorwurf illegaler Abhöraktionen in Hunderten Fällen konfrontiert sah. So hatte ein Privatdetektiv im Auftrag der Zeitung die Handy-Mobilbox eines Entführungsopfers gehackt. Auch die Mobildaten von Familien gefallener Soldaten, von Opfern und Hinterbliebenen der Londoner U-Bahn-Anschläge von 2005 hatten die NotW illegal erworben.

Allein im Jahr 2020 zahlte News Group Newspapers Abhöropfern umgerechnet mehr als 60 Millionen Euro an Prozesskosten und Entschädigung. Im Jahr zuvor hatten sich diese Zahlungen, welche die Bilanz als "britische Zeitungsangelegenheiten" auswies, auf die Hälfte belaufen. Erst am vergangenen Donnerstag hatte die Sun durch Zahlung einer nicht näher bezifferten "beträchtlichen Summe" an den ehemaligen liberaldemokratischen Abgeordneten Simon Hughes dessen Klage wegen Telefon-Hackings beigelegt. Hughes hatte angegeben, Reporter der NotW hätten ihn abgehört, um seine Sexualität offenzulegen und ihm politisch zu schaden. Im vergangenen Jahr hatten der Sänger Elton John, die Schauspielerin Elizabeth Hurley und die Aktivistin Heather Mills ihre Telefon-Hacking-Anzeigen gegen die Zahlung nicht genannter Summen zurückgezogen. Es sind weitere Klagen anhängig, darunter eine von Prinz Harry.

Trotz der radikalen Senkung von Vertriebs- und Werbekosten um 40 Prozent sowie der Reduktion der Mitarbeiterzahl von 605 auf 546 bei der Sun konnten diese Verluste nicht ausgeglichen werden. Ob damit wirklich die Ära endet, die der Welt Schlagzeilen wie "Freddie Star hat meinen Hamster gefressen" bescherte, wird sich noch zeigen. Genauso wäre eine permanente Verschiebung hin zur Internet-Präsenz des Blattes denkbar. News Group Newspapers gibt an, im vergangenen Jahr habe die Website der Sun 32,8 Millionen Besucher gehabt, dreieinhalb Millionen mehr als im Jahr davor. Die sprudelnde Geldquelle, welche die Print-Ausgabe der Boulevardzeitung für Rupert Murdoch jahrzehntelang darstellte, scheint allerdings endgültig versiegt zu sein.

© SZ/clu
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