Süddeutsche Zeitung

"The Fall" mit Gillian Anderson:Der Zuschauer als Voyeur

In "The Fall" spürt Gillian Anderson als Polizistin einem Psychopathen nach, der mehr im Sinn hat als Fesselspiele. Trotzdem gibt es eine Gemeinsamkeit mit "Fifty Shades of Grey".

Von Benedikt Frank

Eine dunkle Gestalt steigt durch ein Kellerfenster in eine Wohnung ein. Sie streift sich Plastikhandschuhe über und befestigt eine kleine Lampe am Handgelenk. Dann schleicht sie sich über die leise knarrende Treppe nach oben. Im Bad stellt sie sich vor den Spiegel. Die linke Hand macht das Licht an, die rechte nimmt die schwarze Wollmütze ab. Ein Mann starrt schwer atmend auf sein Spiegelbild. Als er sein Halstuch, das er bis über die Nase gestreift hat, nach oben abzieht, bemerkt man die ungewöhnliche Perspektive: Das Tuch verdeckt kurz die Kamera, als würde man es über die eigenen Augen ziehen. Gleich am Anfang von The Fall - Tod in Belfast schaut das Publikum in einen Spiegel und ein Einbrecher schaut zurück.

Ein schöner perspektivischer Trick, der einen Moment lang verwirrt. Aber dieses Detail ist nicht nur ein technisch interessantes Gimmick. Es macht die Zuschauer selbst zu Tätern. Nur für einen kurzen Moment zwar, aber das wirkt nach. Ist man vor dem Bildschirm nicht selbst meistens Voyeur? Einer, der immerhin dabei zuschaut, den es vielleicht auch unterhält, wenn ein Unbekannter wie hier an Damendessous aus den Schlafzimmerschubladen riecht? Man darf sich seiner Komplizenschaft ruhig bewusst werden, sagt die Kameraperspektive.

Der Einbrecher heißt Paul Spector. Jamie Dornan stellte ihn 2013 in dieser BBC-Produktion dar, die jetzt erstmals nach Deutschland kommt - also zwei Jahre bevor Dornan durch seine Hauptrolle in der Verfilmung des Sadomaso-Bestsellers Fifty Shades of Grey weltbekannt wurde. Mit dem späteren Erfolg an den Kinokassen hat The Fall nur äußerst entfernt etwas gemein - die Serie ist ein ausgezeichneter Thriller mit interessanten Charakteren, keine Unterwerfungserotik. Paul Spectors dunkles Doppelleben mit dem des Geschäftsmannes Christian Gray zu vergleichen, wäre auch die blanke Verharmlosung.

Ein Psychopath, der seine Machtfantasien durch Morde befriedigt

Tagsüber ist Paul Familientherapeut, glücklich verheiratet und Vater von zwei kleinen süßen Kindern, ein netter Typ eigentlich. Nebenher stellt er in der nordirischen Hauptstadt Belfast Frauen nach. Bevorzugt beruflich erfolgreich müssen sie sein und langes schwarzes Haar haben. Paul ist dabei kein verhältnismäßig harmloser Sittentäter, der, allein das wäre schon beängstigend genug, nur in Wohnungen einbricht und dabei unsichtbar bleibt. Paul hinterlässt erst Botschaften, kleine Eingriffe, die zwar die Bewohnerinnen alarmieren, die Polizei aber zunächst weniger. Ein schwerer Fehler, denn bald darauf tötet er seine Opfer nach einem Ritual. Er ist ein Psychopath, der seine Machtfantasien durch Morde befriedigt.

Das ZDF hat von Netflix abgeschaut

Die erste, der ein Muster in seinen anfangs noch nicht ganz perfekten Morden auffällt, ist die Sonderermittlerin Stella Gibson. Gillian Anderson, bekannt als Agent Scully aus der Mystery-Serie Akte X, spielt sie als eine Frau, die sich im größtenteils männlichen Polizeiapparat durchzusetzen weiß. Doch so einfach, wie es in dieser Serie ist, sich einen jungen attraktiven Polizisten aufs Hotelzimmer zu bestellen, ist nicht alles - schon gar nicht dieser besondere Fall in dieser besonderen Stadt.

Es bleibt nicht nur beim Katz-und-Maus-Spiel. Es geht um Korruption und Versagen innerhalb der Polizei, um die Strukturen, die Stella Gibson in ihrer Arbeit behindern. In einer weiteren Nebenhandlung sind die Albträume von Pauls Tochter ein Thema. Doch immer wandert die Perspektive von solchen Ausschweifungen zurück zu Paul, zurück zum Täter. Meistens ist sie zwar nicht identisch mit seinem Blick, wie in der Eingangssequenz, doch sie bleibt nah dran, versucht ihn zu fassen, obwohl er Unfassbares tut. Faszinierend und bedrohlich bildet diese Nähe den Kern der Spannung, so dass es überhaupt nichts ausmacht, dass von Anfang an klar ist, nach wem hier gefahndet wird.

Die BBC produziert derzeit eine dritte Staffel von The Fall. Und das ZDF hat bei Netflix abgeschaut, wie man zeitgemäß hochwertige Serien unter das Publikum bringt. Die erste Staffel wird jetzt nach dem Muster des Streaming-Anbieters veröffentlicht: Von kommenden Sonntag an werden sechs 90-minütige Episoden in der Mediathek zu finden sein, sowohl synchronisiert, als auch in der englischen Originalfassung.

Online erst nach 22 Uhr zu sehen

An sich schön für Freunde des Binge Watchings. Doch ganz frei sind die Zuschauer dann doch noch nicht: weil es in der ZDF-Mediathek bisher keine andere Möglichkeit gibt, den Jugendschutz zu gewährleisten (wie etwa persönliche Accounts mit verifiziertem Alter der Benutzer) wird die Serie auch online erst nach 22 Uhr zu sehen sein. Immerhin zwei Wochen, bevor sie dann sonntags eher pflichtschuldig im Hauptprogramm des ZDF läuft.

The Fall, ZDF, von 15. November an, sonntags, 22 Uhr; alle Folgen von 1. November an jeweils ab 22 Uhr in der ZDF-Mediathek

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SZ vom 30.10.2015
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