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"The English Game" auf Netflix:Die Eroberung des Fußballs von unten

Mit einem Mythos räumt The English Game gleich zu Beginn auf: Dass Fußball schon immer ein Arbeitersport gewesen sein soll.

(Foto: Netflix)

Für alle, denen gerade der Fußball fehlt, erzählt "The English Game" vom frühen Kicken als Disziplin der Adeligen - und ist damit auch etwas für "Downton-Abbey"-Fans.

Spiele ohne Zuschauer werden Geisterspiele genannt. Wo normalerweise 50000 Menschen zuschauen, sehen nur noch die 50 oder 100 zu, die irgendwie mit der Organisation des Spiels befasst sind. Gespenstisch. Und kein Spaß für Mannschaften und Fans in diesen Corona-Tagen. Aber als der Fußball noch nicht das Spiel war, das er heute für Milliarden Fans auf der ganzen Welt ist, standen auch beim Viertelfinale des FA-Cups, also des englischen Pokals, nicht mehr als einige Dutzend Leute um den Platz. So wie übrigens heute immer noch bei vielen Spielen der unteren Amateurligen, bei denen man die Zuschauer mitunter an einer Hand abzählen kann.

Wer offen für solche surreal anmutenden Szenarien ist und gern verstehen möchte, wie der Fußball war, als er noch in Kinderschuhen spielte, der ist bei der Netflix-Serie The English Game bestens aufgehoben: Ein holpriger Rasen, Männer, die aussehen, als wären sie eigentlich in Ganzkörperbadeklamotten bei der falschen Veranstaltung angetreten, und eine taktische Ausrichtung, die an die Spiele von Fünfjährigen erinnert, die sich gleichzeitig alle auf den Ball stürzen und dann im Rudel gemeinsam auf das Tor zuwalzen, während der Beste unter ihnen unter keinen Umständen den Ball hergibt und dann irgendwann halt ins gegnerische Tor schießt.

So beginnt die Geschichte der beiden Teams, die sich 1879 im Viertelfinale des FA-Cups gegenüberstehen. Und weil es hier um viel mehr als die taktische Entwicklung des Fußballs geht, sind diese beiden Teams ein Spiegelbild der zerrissenen englischen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Denn mit einem Mythos räumt The English Game gleich zu Beginn auf: dass Fußball schon immer ein Arbeitersport gewesen sein soll. Fußball war vielmehr mal eine ähnlich elitäre Veranstaltung wie der weiße Sport Tennis. Die Football Association (FA), wie der dem Cup den Namen gebende englische Fußballverband heißt, besteht aus adligen Sportsmännern, die auch die beste Mannschaft des Landes und damit den Seriensieger des Cups stellen: Die "Old Etonians" sind im noblen Eton beheimatet, und entsprechend der Gepflogenheit der englischen Oberschicht findet die dritte Halbzeit, also der gesellige Teil nach dem Spiel, nicht in einem gewöhnlichen Pub statt. Die Etonians sitzen in Gesellschaft ihrer abwechselnd gesetzten Gattinnen dann bei einer festlich geschmückten Tafel beim Dinner in Abendgarderobe und sonnen sich im Ruhm ihrer Siege. "Es ist unser Spiel", sagen diese Herrschaften. Und das soll es auch bleiben.

Schon die gezierten Tischgespräche der Gentlemen, in denen sie sich bemühen, den Stolz über ihre Siege hinter einer nur schlecht verbrämten Edelmann-Attitüde zu verbergen, während die Ladys scharfsinnig ihren Supermann-Dünkel entlarven, machen die Serie zu einem Gewinn. Der Garant für das Gelingen dieser Klassenkampf-Geschichte auf dem Rasen aber ist letztlich niemand anders als der Erfinder von Downton Abbey, jener gefeierten Serie, welche die Geschichte einer englischen Adelsfamilie in den Zeiten der gesellschaftlichen Umbrüche vor und nach dem Ersten Weltkrieg episch auffächert. Julian Fellowes (eigentlich: Julian Baron Fellowes of West Stafford), Fachmann für das Erzählen von einer selbstgewissen Oberschicht. Er entwirft gewohnt stilsicher ein historisches Tableau, in das nichts so wenig hineinpasst wie ausgerechnet das wilde Matschwühl-Spiel Fußball, das später als Arbeitersport in die Geschichte eingehen sollte.

Julian Fellowes

Julian Fellowes ist ein britischer Schauspieler, Drehbuch- und Romanautor, Peer des britischen Oberhauses und Experte für Erzählungen vom Klassenkampf.

(Foto: Joel C Ryan/Invision/AP)

Aber genau darum geht es, um die Eroberung des Fußballs von unten. Eine Revolution am wulstig-klobigen Lederball.

Wie schon bei Downton Abbey ist die andere Seite der Gesellschaft nämlich nicht fern. Bei Downton Abbey arbeiteten die Untergegebenen im Souterrain. In The English Game leben sie im Norden von England, wo ihnen die Baumwollindustrie ein spärliches und hart erarbeitetes Auskommen sichert. Hier hat der Besitzer einer Wollspinnerei aus seinen Arbeitern den Fußballklub Darwen FC aufgebaut, der als erster Arbeiterverein den Cup gewinnen soll. Und weil er erkannt hat, dieses hohe Ziel nicht mit seinen Stammspielern erreichen zu können, holt James Wales (ein herrlich knorriger Fußballboss: Craig Parkinson) zwei Spieler aus Schottland, die für freie Kost und Logis antreten - die ersten Profis der Fußballgeschichte, und zwar illegale, weil Fußball ein Spiel für Amateure sein sollte -, reiche Amateure versteht sich, die es sich leisten konnten, mit viel Zeit ihrem Lieblingsvergnügen zu frönen.

Diese Serie ist für haufenweise Überraschungen gut, und sie bietet viel dramatisches Potenzial, das historisch belegt ist. Arthur Kinnaird (ein wahrer Fußballritter: Edward Holcroft), "First Lord of Football", weil er drei Mal den Cup gewonnen hat, hat es ebenso gegeben wie die beiden schottischen Könner, deren scheppernder Dialekt unbedingt in der Originalversion gehört werden sollte, Jimmy Love (James Harkness) und Fergus Suter (Kevin Guthrie).

Die beiden erwartet bei ihrem neuen Klub kein roter Teppich beim Einlaufen, sondern viel Missgunst und Misstrauen ihrer gebeutelten Mitspieler. Begründet auch in der Angst, dass die Umstände des Engagements ans Tageslicht kommen und dem Klub eine Sperre einbringen.

Mögen die Figuren manchmal auch ein wenig holzschnittartig angelegt sein, die durchweg glänzenden Schauspielerinnen und Schauspieler, etwa die aus Game of Thrones bekannte Charlotte Hope als die kluge Gattin von Arthur Kinnaird, und die Volten der Geschichte, auch das Erhellende des gesellschaftlichen Hintergrunds, verleihen der ersten Staffel mit sechs Folgen eine Qualität, die nicht nur Fußballfans begeistern dürfte. Denen kann übrigens die Sorge genommen werden, zum Entzug ihres Lieblingssports kämen jetzt noch unbeholfen inszenierte Spielszenen.

Mögen auch nur ein paar Leute zusehen, das Spiel entfaltet überzeugend seine dynamische Faszination, der ja sympathischerweise seinerzeit auch die Edelmänner restlos erlagen. Auch der die Fußballtaktik revolutionierende Fergus Suter spielt einen exzellenten Ball. Und wenn mal gefoult wird, dann richtig.

© SZ vom 02.04.2020/luch

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