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Test in München und Stuttgart:Fußball nonstop

Tour de France 2013 Zuschauer warten auf die Fahrer und lesen Zeitung

Kulturelle Grundversorgung: Tägliche Sportzeitungen sind in Teilen Europas, hier Frankreich, etabliert. Nun soll auch Deutschland versorgt werden.

(Foto: Felix Jason/imago)

Der Springer-Verlag wagt sich an eine tägliche Zeitung, die sich ausschließlich mit dem Lieblingssport der Deutschen beschäftigt. Das folgt der Tradition in Südeuropa - und in der DDR.

Es gibt ein Foto, das den amtierenden spanischen Regierungschef Mariano Rajoy als einen überaus durchschnittlichen Spanier porträtiert. Es zeigt ihn, wie er seinen Dienstwagen besteigt und unterm Arm eine Sportzeitung trägt, die Marca. Dem nonverbalen Bekenntnis ließ er bald auch ein ausdrückliches folgen: "Am Frühstückstisch streite ich mich jeden Morgen mit meinem Sohn um die Marca", sagte der Mann, der Interviews gern meidet, in einer Trash-Sendung eines spanischen Privatsenders. Das Bekenntnis hatte Folgen. Rajoy musste klarstellen, dass er "nie behauptet" habe, "ausschließlich" Marca zu lesen. Manche Spanier hatten Zweifel daran beschlichen.

Durchschnittlich ist Rajoy nicht nur, aber auch wegen der Lektüre Marcas. Die 1938 mitten im spanischen Bürgerkrieg von den Faschisten gegründete Zeitung ist das meistverkaufte Blatt des Landes.Nun soll auch der deutsche Markt um eine Tageszeitung erweitert werden, die sich ausschließlich um Sport, genauer: um Fußball dreht. Ab Freitag bietet der Springer-Verlag - vorerst testweise und mit einer Startauflage von 60 000 Exemplaren - Fußball-Bild feil. Auf 24 Seiten sollen täglich die Fußballnachrichten des Tages gebündelt werden, zum Preis von einem Euro.

Testphase bis Ende des Jahres

Für den Markttest wurden München und Stuttgart ausgesucht, zwei Städte also, die fußballerisch zurzeit nichts gemein haben. Der FC Bayern ist bundesweiter Branchenführer, Stuttgarts VfB ist gerade in die zweite Liga abgestiegen, die dortigen Kickers gar in die dritte Liga. Gemeinsam ist beiden Städten dafür etwas anderes: die Kaufkraft des potenziellen Publikums. Die Testphase, so ist aus dem Verlag zu hören, soll bis Ende des Jahres laufen.

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Warum jetzt? "Der Fußball boomt wie nie zuvor, das kann man an den Einschaltquoten im Fernsehen und den Zuschauerzahlen in den Stadien ablesen", sagt Matthias Brügelmann, der Fußball-Bild leiten wird. "Der Fußball ist das letzte große Lagerfeuer, um das sich alle im Land scharen", fügt er hinzu.

Bei den Lesegewohnheiten zieht sich eine unsichtbare Mauer durch Europa

Fußball-Bild ist ein bemerkenswertes Projekt. Zwar haben sich die Konsumgewohnheiten in Europa angeglichen, überall finden sich die immer gleichen Marken, Schnellrestaurants und Coffeeshops - nur die Lesegewohnheiten sind grundverschieden. Seit Jahrzehnten zieht sich eine unsichtbare Mauer durch den Kontinent: Im Norden und in Mitteleuropa fanden tägliche Sportblätter nie Absatz; im Süden sind sie bis heute Teil der kulturellen Grundversorgung. Was dem Spanier seine Marca (Auflage 127 000) oder As ist, ist dem Portugiesen A Bola oder O Jogo, dem Franzosen L'Équipe und dem Italiener die Tuttosport oder die Corriere dello Sport.

Dass dem so ist, dürfte auch eine Frage der Tradition sein. El Mundo Deportivo aus Barcelona oder die ganz in Rosa erscheinende Gazzetta dello Sport aus Mailand blicken auf eine mehr als ein Jahrhundert währende Geschichte zurück. "Die Lektüre von Marca wird regelrecht vererbt", sagt der Sportjournalist Enrique Ortego, einer der Chefkommentatoren Marcas. "Sie ist in Italien Teil der Barkultur wie die Espressomaschine", sagt Filippo Ricci von der Gazzetta über dieselbe. Dazu kommt, dass die Sportblätter in Spanien und anderen südeuropäischen Ländern den Platz besetzen, der in mittel- und nordeuropäischen Ländern von Boulevardblättern wie Bild oder The Sun belegt wird. Springer unternahm Anfang der 1990er-Jahre den Versuch, in Spanien ein Sex & Crime-Blatt namens Claro zu etablieren. "Nach drei Monaten lagen wir bei 140 000 verkauften Exemplaren, und das war für Spanien ein großer Erfolg. Aber Springer wollte nach einem halben Jahr 800 000 verkauft sehen", sagt Ortego, damals Sportchef von Claro. Sie wurde nach einem halben Jahr eingestellt.