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"Welt" über Uwe Tellkamp:Erzählt man sich so

Uwe Tellkamp

Am rechten Rand des Meinungsspektrums gründelnder Autor: Uwe Tellkamp.

(Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

Will der Suhrkamp-Verlag Uwe Tellkamps neues Buch nicht veröffentlichen, weil es politisch zu weit rechts steht? Oder schürt die "Welt" nur eine Scheindebatte über ein Gerücht? Auf der Spurensuche nach einem Skandal.

Man weiß nicht, in welchen finsteren Winkeln der Gesinnungskorridore sich solche Gerüchte festigen. Sicher ist nur, dass insbesondere das Feuilleton der Zeitung Die Welt nicht mehr ablassen will von einem Verdacht: Uwe Tellkamp, Autor des Romans "Der Turm", bekannt als am rechten Rand des Meinungsspektrums gründelnder Intellektueller, habe die lang erwartete Fortsetzung seines Bestsellers mit dem Titel "Lava" fertig, sein Verlag Suhrkamp wolle den aber nicht bringen. Womöglich wegen politischer Inopportunität. Erzählt man sich so. Nur belegen lässt es sich nicht.

Die Suhrkamp-Pressesprecherin Tanja Postpischil sagt, das Manuskript sei "noch nicht ganz fertig und auch noch nicht lektoriert". Man peile ein Erscheinen im Frühjahr 2021 an. Tellkamp, notorisch medienscheu, verweist Anfragen direkt zurück auf Tanja Postpischil, die wieder dasselbe sagt.

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Es gibt also keinen Skandal. Sogar die für derlei Aufreger dankbare Webseite Tichys Einblick reagiert verhalten. Die Welt indes berichtet weiter im Konjunktiv. Obwohl sich, wie es aus der Redaktion auf Anfrage heißt, seit dem Dementi von Suhrkamp an ihrem Informationsstand nichts geändert habe, befragte man die obligaten Intellektuellen zu "dem Fall". Die sagten hauptsächlich, ohne das Buch gelesen zu haben, könnten sie nichts sagen.

So kurios die Scheindebatte ist, so charakteristisch ist sie für ein gehetztes Meinungsgeschäft. Unter der Leitfrage "Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen einem Verlag und seinem Autor in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft?" wird insinuiert, der Kulturbetrieb könne sich leicht als nicht liberal genug erweisen, um einen Autor am rechten Rand zu ertragen. Vorderhand schadet es der Offenheit der kulturellen Auseinandersetzung aber mehr, wenn aus Gerüchten Nachrichten gezimmert werden, die so riesenhaft im Raum stehen, dass drumherum keine Realität Platz hat.

Wie jedes gute Gerücht ist auch dieses natürlich nicht ganz ohne Entsprechung in bereits Bekanntem. Als sich Tellkamp 2018 bei einer Diskussion über Meinungsfreiheit mit dem Dichter Durs Grünbein AfD-ähnlich zur Asylpolitik äußerte, distanzierte sich Suhrkamp per Twitter. Tellkamp ist Mitunterzeichner der "Gemeinsamen Erklärung 2018", zuletzt sollte er bei einer Veranstaltung der Vierteljahresschrift Tumult aus "Lava" lesen. Die wurde vom Trägerverein des Veranstaltungsortes abgesagt - nicht wegen Tellkamp, sondern wegen Bedenken gegen die Rechtsaußenpublizistik der Zeitschrift. Tellkamp streitbar zu nennen, wäre untertrieben, wenn er sich in letzter Zeit am Rande von Lesungen zu seinem Verlag äußert, dann aber eher defensiv.

Bei Tichys Einblick heißt es aus der Perspektive des Autors: "Bei einem Roman, an dem der Autor zehn Jahre lang gearbeitet hat, käme es auf ein halbes Jahr mehr bis zur Premiere auch kaum an." Dagegen bringt die Welt feines sprachkritisches Besteck zum Einsatz: Der Konjunktiv in dem Satz suggeriere "einen Autor, der äußerst gelassen auf den Zeitpunkt der Romanveröffentlichung blickt - nach so einer schweren Geburt zumindest ungewöhnlich." Es steht also gewissermaßen Konjunktiv gegen Konjunktiv.

© SZ vom 05.02.2020/khil
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