bedeckt München 15°

Telekom-Affäre: Entschädigung für Journalisten:Attacke auf Pressefreiheit

Telekom-Chef René Obermann hatte sich bereits 2008 für den "ungeheuerlichen und zutiefst beschämenden Vorgang" in "aller Form" entschuldigt. "Geist und Buchstabe der Pressefreiheit", schrieb er Opfern des Skandals, seien "missachtet" worden. Der Begriff "missachtet" war noch eine leichte Untertreibung: Die Worte Paranoia und Wahnsinn trafen den Sachverhalt eher.

Neben Kowalewsky waren noch vier weitere Journalisten ins Visier der Schnüffler geraten. Über einen Zeitraum von wenigen Monaten waren mindestens 8226 Telekommunikationsverbindungen zu den Anschlüssen dieser fünf Journalisten erhoben und offensichtlich ausgewertet worden. Ein Fall betrieblichen Wahnsinns: Nachrichten, die nicht von der Telekom selbst herausgegeben worden waren, galten den Sicherheitsleuten schon als Verrat. Mit mehreren der vier weiteren Journalisten wird angeblich über die Zahlung von Schadenersatz verhandelt. Allerdings sollen die angepeilten Beträge ein Stück unter der Summe liegen, die Kowalewsky bekommen hat.

Inzwischen soll der Konzern mehr als eine Million Euro in einen Fonds für die Spitzelopfer eingezahlt haben. Unter ihnen befinden sich viele Gewerkschafter und Betriebsräte, denn der juristisch mehr oder weniger still abgehandelte Skandal war nicht nur eine Attacke gegen die Pressefreiheit, sondern auch ein Anschlag auf die Mitbestimmung. Mehrere Institutionen, die sich um Erhaltung der Pressefreiheit oder Datenschutz kümmern, haben inzwischen von der Telekom weitere 1,7 Millionen Euro als Spenden erhalten.

Wie bei so vielen Affären ist auch bei dem Schnüffel-Skandal nur ein Teil der Affäre sichtbar geworden. Das meiste bleibt gewöhnlich unter der Oberfläche. Ob jemand von der damaligen Sicherheit bei Kowalewsky eingebrochen ist, was mancher vermutet, um dessen Notizen in seinem PC-Terminkalender zu sichten, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Eher nicht - aber vielleicht doch. Und die in dem Fall lange Monate ermittelnde Bonner Staatsanwaltschaft geht zwar nicht davon aus, dass es, wie behauptet, bei Capital einen Maulwurf gegeben hat, der Kowalewsky ausspioniert hat. Ganz ausschließen lässt sich der Verdacht nicht.

Im Journalisten-Milieu wurden bei der Aufarbeitung des Falles ungewöhnliche Methoden eingesetzt. Reporter recherchierten sehr eifrig in Kowalewskys Privatleben, um herauszufinden, ob er erpressbar gewesen sei. Schizophrene Vorstellung. Für so was gibt es keinen Schadenersatz.

© SZ vom 25.03.2011/fort

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite