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taz-Chefredaktion:Es ist ein Mann

Georg Löwisch

Der Freiburger Georg Löwisch hat Journalismus und Afrikanistik studiert, bevor er zur taz kam. Dort, sagt er, habe er sein Seepferdchen gemacht. Jetzt folgt das große Schwimmabzeichen.

(Foto: Anja Weber/dpa)

Viele Jahre ist die "taz" von Frauen geführt worden. Jetzt übernimmt Georg Löwisch den Posten.

Von Korbinian Eisenberger

Zu Beginn der Amtszeit also gleich einmal ein Kulturbruch: Es ist ein Mann. Damit haben wenige gerechnet, innerhalb wie außerhalb dieser Zeitung: 16 Jahre ist die taz von Frauen (mit)geführt worden, zuletzt von Ines Pohl, und jetzt rückt Georg Löwisch an die Spitze der bundesweit erscheinenden Tageszeitung. So überraschend, wie der Weggang seiner Vorgängerin vor einer Woche vermeldet wurde und auch der Rückzug von Co-Chefredakteur Andreas Rüttenauer ins zweite Glied, so unerwartet kommt nun diese Berufung, zumindest aus symbolischer Perspektive, die der Redaktion so wichtig ist: Sie haben es geschafft, die Straße in Kreuzberg, an der ihre Redaktion liegt, umzubenennen, in Rudi-Dutschke-Straße. Sie waren stolz darauf, eine Frau in der Führung zu haben, wo sonst meist Männer regieren. Und ab September also: Ein Mann.

Aus journalistischer Perspektive ist es allerdings konsequent: Löwisch hat bei der taz volontiert, war Reportagechef dort, begründete den Wochenendteil sonntaz. Von 2012 bis dieser Tage war er dann Textchef beim Debattenmagazin Cicero. Wobei er nie ganz weg war von der Rudi-Dutschke-Straße: Bei den Feiern auf dem Dachgarten, ganz oben, wo die Fahne mit der "tazze" weht, war er immer wieder mit dabei. Passend sein Statement zum Start: "Es ist schön, nach Hause zu kommen."

Und dort freut man sich. Denn die bisherige Chefin Pohl, die vom konservativen Ippen-Verlag vor sechs Jahren zur taz gekommen war, hat einige Unruhe gestiftet. Sie kommentierte mitunter arg bemüht wirkend von einer linken Warte aus. Mit ihren Kollegen ging sie nicht immer geschickt um. Nach einem missglückten Interview ihrer Kollegen mit dem FDP-Politiker Philipp Rösler verteidigte sie sich: "Mutti kann nicht immer reingrätschen." Den langjährigen Redakteur Christian Füller kündigte sie, weil er enge Verbindungen zwischen der Gründungsgeneration der Grünen und der Pädophilen-Szene angeblich "handwerklich schlecht" recherchiert hatte. Er veröffentlichte seine unangenehmen Erkenntnisse daraufhin in der FAZ. Und mittlerweile belegen auch Untersuchungen des Politikwissenschaftlers Franz Walter, dass Füller richtig gelegen hat: in den 1980er-Jahren schafften es pädosexuelle Parteimitglieder etwa immer wieder ihre abstruse Forderung nach Straffreiheit für Sex mit Kindern in grünen Parteiprogrammen unterzubringen. "Löwischs Job muss sein, wieder Freude in die Redaktion zu bringen, hinter den eigenen Leuten zu stehen", sagt Füller nun. "Und ich glaube, dass er das gut kann."

Die taz ist ein Blatt, das sich seit der Gründung vor 37 Jahren links positioniert und in der Eigenwahrnehmung in zwei Lager zerfällt: Die extra linken und die nicht ganz so linken. In Wahrheit ist es noch viel komplizierter. Löwisch dürfte dabei so etwas wie ein Konsenskandidat sein.

Wobei Bettina Gaus, eine der wichtigsten Autorenstimmen der taz, ihrem zurückgekehrten Kollegen durchaus politische Haltung bescheinigt: "Wenn eine linke Perspektive bedeutet, politische Probleme von unten nach oben anzuschauen, dann ist Georg definitiv links." Insofern freue sie sich "wahnsinnig" über die Berufung des "starken Blattmachers". Wie politisch der 41-Jährige denkt, sieht man an seiner ersten Stellungnahme. Geschickt sammelt er seine Kollegen ein: Die taz sei "die stärkste Stimme der demokratischen Gegenöffentlichkeit", sagt er. "Ich will dazu beitragen, dass es so bleibt." Gegenöffentlichkeit - das ist das Schlagwort, der Anspruch, der einst zur Gründung der Zeitung führte. Daran können sich alle wärmen.

Das Politische ist allerdings heute nicht mehr das allein Entscheidende bei der taz: Trotz stabiler Auflage (53 000 Exemplare) sinkt der Umsatz. Die digitalen Erlöse können die Verluste beim Gedruckten nicht komplett auffangen. Wie funktioniert die taz unter der Woche, wie im Internet und auf den Smartphones? Auch über solche Geschäftsmodelle muss er sich Gedanken machen und zugleich noch den Bau des neuen Verlagshauses mitmanagen.

Sie glauben, dass er das kann: "Löwisch pflegt einen unaufgeregten Blick auf die Gemengelage der Welt", sagt taz-Redakteur Jan Feddersen. "Er ist ein Mann, der eine starke Leidenschaft für den Beruf hat." Aber: Ein Mann! Na ja, das Geschlecht ist das Einzige, was man ihm vorwerfen kann, antworten sie da bei der taz. Klingt fast so, als ob der Humor und die Freude bereits zurückkehren.

© SZ vom 10.07.2015
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