Tatort Wien: "Paradies" Residenz evil

Das Ermittlerpaar Krassnitzer/Neuhauser als Eisner und Fellner: im Moment größer als jeder Fall.

(Foto: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican)

Der erste Tatort nach der Sommerpause kommt aus Wien. Er handelt von skrupellosen Senioren, die mit Medikamenten und anderen Stoffen dealen. Die Geschichte zieht sich. Dass man ihr trotzdem folgt, liegt an den Österreichern.

Von Holger Gertz

Im ersten Tatort nach der Sommerpause erzählen die Österreicher eine Geschichte über skrupellose Senioren, raffgierige Rentner, perfide Pensionisten. Die Alten sind also weniger kuschelig, als man sie sich denkt oder wünscht - das Motiv kommt im Kriminalfilm gelegentlich vor, der Regisseur Zbyněk Brynych hat schon 1969 in einer herrlichen Episode vom Kommissar die schwarze Seele lieber Opas freigelegt. "Die Schrecklichen" heißt der Film, zu finden jederzeit bei Youtube.

Drei Trennungen und ein Jubiläumsfall

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Die Schrecklichen in diesem Tatort leben in einer steirischen Seniorenresidenz, aber sie freuen sich nicht ihres Überlebens, sie verkümmern. Nachmittags um drei gibt es Kaffee und Kuchen, mittwochs geht es mit dem Reisebus nach Ungarn, abends wieder zurück. Mehr passiert nicht. Wobei sich bald herausstellt, dass im Reisebus Medikamente und andere Stoffe geschmuggelt werden, die Senioren verdienen sich als Hilfsdealer was dazu, denn mit dem Taschengeld im Seniorenheim können sie "nicht weit hupfen", wie die alten Österreicher sagen.

Auf ewig belastete Hosen

Die alten Österreicher sagen viel, sie knarzen und grummeln und bellen. Sie kämpfen sich ab über dem Pissoir, weil die "Prostata a Luder is". Sie philosophieren darüber, dass man eine vollgeschiffte Hose zwar jederzeit waschen kann, aber das hilft ja nix: "Diese Hose ist auf ewig belastet." Sie bügeln im Stillen und brüllen im Dunkeln und fliehen vor der Krankenschwester, die mit einem feinen Einlauf lockt.

"Paradies" von Uli Brée und Harald Sicheritz entwickelt nicht den Sog der vergangenen ORF-Tatorte, und verglichen mit dem Münchner Polizeiruf neulich wirkt die Angelegenheit bisweilen ziemlich schwergängig. Die Geschichte aus Österreich zieht sich; dass man ihr trotzdem folgt, liegt an den Österreichern. Der grandiose Burgtheatermann Branko Samarovski spielt einen warmherzigen, verschlagenen Schnüffler, und das Ermittlerpaar Krassnitzer/Neuhauser als Eisner und Fellner ist im Moment sowieso größer als jeder Fall. Ihre Dialoge sind so hörenswert wie ihre Selbstgespräche.

Fellner: "Früher hätt' ich mich in solchen Momenten niederg'soffen."

Eisner: "Und jetzt?"

Fellner: "Jetzt denk' ich mir, dass ich mich gern niedersaufen tät."

Ein Schauspielerfilm, der nicht durch die Spannung wirkt, mehr durch Stil und Sprache. Irgendwann sagt Eisner: "Sie haben eine Leiche im Keller", und das ist nicht mal eine Floskel, weil derjenige eine Leiche im Keller hat.

ARD, Sonntag 20.15 Uhr.

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