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"Tatort" aus Weimar:Tötet alle Herzschmerzfilme!

Tatort 'Der letzte Schrey'

Kurt Stich (Thorsten Merten), Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner) im Weimarer Tatort "Der letzte Schrey"

(Foto: dpa)

"Der letzte Schrey" erzählt mit der bewährten Seltsamkeit der Weimarer "Tatorte" vom Niedergang eines Strickwarenunternehmers - sanft prickelnde Verstörung inklusive.

Von Claudia Tieschky

In diesem Tatort aus Weimar ist das erste Opfer ein niedliches, lachsrosa-geblümt ausstaffiertes Wesen, das niemandem etwas getan hat außer leise Wau zu machen. In den gleichen Stoff gekleidet ist Frauchen an der Strickmaschine in einer schlimm als Puppenstube dekorierten Villa. Beim anschließenden Blutbad regt sich kurz mal der Verdacht, vielleicht in eine ausstattungsbesoffene Performance geraten zu sein mit dem Titel "Tötet alle Cornwall-Herzschmerzfilme!"

Dann aber wendet sich "Der letzte Schrey" den menschlich abgründigen und bilanziell kaputten Zuständen der Strickwarenunternehmer Schrey zu. Marlies Schrey wird erschlagen in einem Feld gefunden, der ebenfalls aus der Villa verschleppte Gerd Schrey befindet sich in der Gewalt von Kidnappern, und sein Sohn Maik müsste eigentlich von der Versicherungspolice der Eltern gewusst haben, die bei Entführungen genau die Summe abdeckt, die verlangt wird. So kommt ein nicht nur wegen des nachwummernden Rosa ziemlich greller Krimi mit Kleinflugzeug-Stunts in Gang, bei dem die beiden Täter vor lauter Dummheit schon fast als lustig-knubbelig durchgehen würden, wenn sie nicht so shocking wären. Das Ermittler-/Elternpaar Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner) macht Halbernst mit einem verpeilten französischen Au-pair, was gegen Ende aber zielführend in die Haupthandlung eingepflegt wird.

Die Weimarer Fälle waren schon immer die ziemlich spezielle Veranstaltung eines eingespielten Autoren-Teams. Dieser hier (Regie Mira Thiel) ist unter dem Markenaspekt sehr gelungen und hält die bewährte Seltsamkeit, obwohl Murmel Clausen jetzt ohne Kompagnon Andreas Pflüger schreibt. Die Stimmung tendiert verlässlich zu dem, wofür mal der schlimme Ausdruck Schmunzelkrimi erfunden wurde und munteres Schlagzeug oder neckisches Bassgezupfe oder auch ein krähender Hahn die Sounduntermalung liefern. Die Kombination mit echtem Seelendrama - in diesem Fall ein Haufen vereinsamte, tieftraurige Kinder - passt überhaupt nicht dazu, weshalb der normale Einfühlungs-Zuschauer auf seinem Sofa ständig aus der Kurve getragen wird und einen sanft prickelnden Eindruck von Verstörung genießen darf.

Wie in dem Moment, in dem der arme entführte Gerd Schrey (Jörg Schüttauf) endlich den Knebel los ist und klar wird, er war eine viel angenehmere Erscheinung, als er nicht reden konnte.

Das Erste, Pfingstmontag, 1. Juni, 20.15 Uhr. Am Pfingstsonntag um 20.15 Uhr ist die Wiederholung des Kölner Tatorts "Bausünden" aus dem Jahr 2018 zu sehen.

© SZ vom 30.05.2020/luch
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