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"Tatort" aus Stuttgart:Vorsicht, Ökopampe

Tatort: Das ist unser Haus

Das Leben ist ein Stuhlkreis, auch für die Kommissare Lannert (Richy Müller, l.) und Bootz (Felix Klare).

(Foto: SWR/Benoit Linder/SWR/Benoit Linder)

Die achtsame Baugemeinschaft "Oase Ostfildern" hat eine Leiche im Fundament. Warum Sie bei diesem Krimi tief in sich hineinhören sollten.

Von Claudia Tieschky

Dieser Tatort aus Stuttgart spielt in einem Wohnprojekt voller Achtsamkeits-Extremisten. So eine Gemeinschafts-Lebensunternehmung hat schon Anke Stelling in ihrem bösen Roman "Schäfchen im Trockenen" auseinandergenommen. Im Krimi feiern die Bewohner der "Baugemeinschaft Oase Ostfildern" gerade etwas gefühlssteif Einweihung, weil das erst ein Jahr alte Fundament mit "Ökopampe" abgedichtet ist und darum noch mal aufgemacht werden muss. Dabei wird eine Frauenleiche gefunden. In vielen Stuhlkreisen geht es von da an um die Frage, ob das Haus nun eine spirituelle Reinigung braucht, ob die Baufirma in Regress genommen wird, ob die Aura des mutmaßlichem Opfers Beverly nicht vielleicht doch noch intakt ist. Aber vor allem soll jeder in sich hineinhören und sich fragen: Was macht das mit uns?

Die Frage stellt man sich dann auch beim Zuschauen. Dietrich Brüggemann, der "Das ist unser Haus" inszenierte und zusammen mit Daniel Bickermann das Buch schrieb, macht es dem Zuschauer nicht nett. Das merkte man schon der Stuttgart-Episode "Stau" des Duos von 2017 an, in der die Kommissare einen Fall in den wabernden Abgasen einer Stuttgarter Autokolonne lösten. Ein Stau ist das Letzte, was man im Film sehen will, aber das Unbehagen, das Brüggemann/Bickermann auslösen können, wirkt manchmal erstaunlich belebend.

In "Das ist unser Haus" scheinen sich alle Darsteller feste anzustrengen, diesen Film aussehen zu lassen wie Reality-TV oder den Auftritt einer mundartschweren Laienspielgruppe. Tatsächlich setzten Brüggemann/Bickermann für einige Rollen Künstler ein, die - wie die Musikerinnen Desirée Klaeukens und Christiane Rösinger - eigentlich fachfremd sind. In einem Gastauftritt darf Heinz Rudolf Kunze sehr wütend sein. Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) ermitteln recht ungerührt.

Man kann sich natürlich bei all dem Achtsamkeitshorror einfach zum Schenkelklopfen entscheiden. Aber die Wahrheit ist, dass es in diesem Film manchmal schwer zu sagen ist, wo etwas danebenging - und wo das Ungelenke ein besonders gewagtes Stilmittel ist, um die fernsehfilmübliche Annäherung an gesellschaftliche Realität mal gründlich zu unterlaufen. Da muss dann jeder besonders tief in sich reinhören.

Der Oasen-Moment: Aufs Schönste verstörend ist die Szene, in der sich Richy Müller plötzlich ohne erkennbaren Grund entschließt umzufallen und für stocksteife zehn Sekunden offenbar eine Leiche spielt, die hier gar nicht hingehört. Musikalisch betrachtet ein Solo.

Das Erste, Sonntag, 20.15 Uhr.

© SZ
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