Süddeutsche Zeitung

Tatort aus Münster:Auch nicht blöder als andere Filme

Aber auch nicht besser. Im Tatort "Fangschuss" wird einem Reporter Haarwuchsmittel zum Verhängnis. Die Handlung kommt jedoch nirgends so richtig an. Die Kritik zum zweiten Wunsch-Tatort von damals.

Diese "Tatort"-Kritik ist am 1. April 2017 in der Süddeutschen Zeitung erschienen. Aufgrund der Wahl des Films zum Wunsch-"Tatort", der am 28. Juni noch einmal ausgestrahlt wird, veröffentlicht SZ.de sie hier erneut.

Der Tatort aus Münster funktioniert immer wie eine Mottoparty. Es wird ein Thema festgelegt, das - anders als bei herkömmlichen Kindergeburtstagen - zwar bisher noch nie "Dinosaurier" oder "Prinzessin" hieß, aber dieselbe Funktion hat. Alles, was im Film geschieht, wird mit dem Motto verwoben, manchmal elegant, oft aber auch mit der ganz groben Stricknadel. Es gab Münsteraner Motto-Tatorte zum Thema Krebstherapie (ein Mord an einem Pharmazeuten wurde mit einer vermeintlichen Krebsdiagnose Boernes verknüpft), zuletzt machte der heitere Rechtsmediziner einen Tangokurs, während eine Tänzerin ermordet wurde. Diesmal heißt das Motto: Haare.

Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) vermutet einen altersbedingten Verlust derselben, sein schwuler Friseur hat ihn da nervös gemacht, ihm aber auch den Tipp gegeben, dass bald ein völlig neues, wirkungsstarkes Mittelchen auf den Markt kommen soll. Man ahnt schon, dass dieses Mittelchen nicht nur Haare wachsen lässt, als ein Journalist eine chemische Studie zugespielt bekommt und kurz darauf ein finsterer Herr diesen Journalisten totschießt. Und dann taucht noch eine junge Frau bei Kommissar Thiel (Axel Prahl) auf, die behauptet, seine Tochter zu sein und sich anlässlich der öffentlich-rechtlichen Mottoparty die Haare blau gefärbt hat.

Von einem freudlosen Wortgefecht zum nächsten

"Fangschuss" heißt die Episode, geschrieben von den Münsteraner Hausautoren Stefan Canz und Jan Hinter (Regie: Buddy Giovinazzo), die jetzt auch nicht blöder ist als andere Filme mit Frank Thiel und Karl-Friedrich Boerne, aber besser ist sie auch nicht. Das liegt zum größten Teil daran, dass die Abneigung zwischen den beiden Ermittlern, die einst den Charme dieser Filme ausmachte, so erkaltet ist wie manche alte Liebe. Die Handlung hangelt sich von einem freudlosen Wortgefecht zum nächsten und kommt nirgends so richtig an.

Zum Abschluss, nicht ganz frei von eigener Betroffenheit, die am schönsten dämliche Szene aus diesem eher zähen Tatort: Nach dem Tod des Journalisten sprechen Thiel und seine meist nachnamenlose Assistentin Nadeshda über dessen Vergangenheit und Alkoholkonsum.

Thiel: "Die meisten Journalisten kommen nach einer Flasche Rotwein erst so richtig in Fahrt."

Nadeshda: "Na ja, die saufen aber auch zur Inspiration, (...)."

Ein Dialog zum Haareraufen.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

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Quelle:
SZ vom 01.04.2017/smb
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