Tatort-Nachlese Wer keine Probleme hat, schafft sich welche

Der Mörder ist immer der Gärtner, heißt es. Sandra Voigt (Claudia Eisinger, rechts) wässert den Garten. Wegen der Grenze des Grundstücks stritt sich ihr Stiefvater Leo Voigt (Werner Wölbern) mit dem ermordeten Nachbarn.

(Foto: WDR/Martin Menke)

Die Kölner Tatort-Kommissare entdecken Abgründe in der Vorort-Idylle. Und lernen: Je perfekter die Fassade erstrahlt, umso größer ist die innere Leere.

Kolumne von Paul Katzenberger

Erkenntnis:

Deutschland ist nur auf den ersten Blick ein friedliches Land. In Bockersend am nördlichen Kölner Stadtrand etwa sind längst nicht alle Bewohner so verträglich und "Happy", wie Pharrell Williams in den Eingangsszenen der Tatort-Folge "Nachbarn" aus voller Kehle singt. Vielmehr gibt es da vier Anwohner, deren Dasein auf ungünstige Weise miteinander verquickt ist. Allem Anschein nach gilt: Wenn gelangweilte Wohlstandsbürger keine Probleme mehr haben, dann schaffen sie sich welche. Sei es dadurch, dass sie sich heimlich ein Kind anschaffen oder aber ganz offen eine Bartagame-Echse oder einen Papagei.

Eigentlich dreht sich der Fall jedoch um ...

... den Tod des Bockersend-Bewohners Werner Holtkamp, der zu Hause in seinem Bett erschlagen wurde. Schnell gerät Nachbar Leo Voigt als potenzieller Täter ins Visier der Ermittler Max Ballauf und Freddy Schenk. Schließlich lag Voigt mit dem Ermordeten in einem erbitterten Streit über die Grenze zwischen ihren beiden Grundstücken.

Und dann geht's doch ...

... um den obskur-prekären Mikrokosmos, der hier exemplarisch für Deutschlands Mittelschicht abgebildet wird. Wer sich schon immer daüber gewundert haben sollte, warum manche Mitmenschen hinter ihren vier Wänden eigenartigen Freizeitbeschäftigungen nachgehen, bekommt hier reichlich Anschauungsmaterial. In "Nachbarn" hat der Eine seine Bude in ein High Fidelity Studio umgewandelt, der Zweite seinen Keller in ein raumfüllendes Terrarium, der Dritte lebt sein Sexualleben in einem Schlafzimmer voller Plastik-Abdeckplanen aus und der Vierte projiziert das, was von seinen Ambitionen im Leben übrig geblieben ist, in den sportlichen Erfolg der adoptierten Tochter. Kommt uns allen bekannt vor? Hier erklärt endlich eine Fernsehssendung die psychologischen Hintergründe dieses Verhaltens: Es geht um Ersatzhandlungen für die fehlende Erfüllung in Beruf und Partnerschaft, die die größte materielle Sicherheit und offenste Beziehungen eben nicht garantieren können.

Bester Dialog:

Die Ermittler Ballauf und Schenk suchen das Ehepaar Möbius für eine Befragung in der Bockersender Waldsiedlung auf. Frau Möbius öffnet die Tür, das Ehepaar und die zwei Kommissare treffen im Flur aufeinander.

Frank Möbius: Was treibt Sie denn schon wieder her?

Freddy Schenk: Was denken Sie denn?

Möbius: Ahh, ich verstehe. Sie wollen wissen, ob ich wusste, dass meine Frau und der Holtkamp Geschlechtsverkehr hatten ... . Ja, ich wusste es, und wissen Sie was? ... Ist mir scheißegal. Im Gegenteil, ich bin sogar froh darüber. Meine Frau ist versorgt, und ich habe meine Ruhe.

Max Ballauf: Wo waren Sie denn am Abend und in der Nacht, als Sie angeblich im Gasthof Sonne übernachtet haben?

Möbius: Sie haben sich schlau gemacht. Sehr gut! Ich war in einer Bar, in Wallau. Ich glaube ..."Poison", mmh ... "Poison" (französische Aussprache, Anm. d. Red.), oder so ähnlich. Ich habe eine Frau kennengelernt. Ganz hübsch. Auch sehr einsam. Und ein bisschen vertrocknet..., also ähnlich wie meine Frau. Wir sind dann beide nach Hause. Ich hab' das schon öfter gemacht. Als Mann hat man eben auch seine Bedürfnisse.

Ballauf zu Schenk: Weißt Du, was ich jetzt am liebsten machen würde?

Schenk: Mmh.

Möbius zu Ballauf: Mir so richtig eine reinhauen? Ja, das möchte ich auch manchmal. Sie sind ein guter Ritter! Ja. Passen Sie schön auf. Meine Frau, die steht auf solche Typen. Nicht, dass sie sich noch in Sie verknallt.

Top:

"Nachbarn" ist nicht einer jener Blödel-Tatorte, die inzwischen Konjunktur haben. Vielmehr bietet der 70. Fall von Ballauf und Schenk neben seinem Unterhaltungswert eine interessante Betrachtung der bundesdeutschen Bürgerlichkeit: Je perfekter die Fassade ist, je durchgestylter und sauberer Wohnungen und Vorgärten gehalten werden, desto mehr verstecken die Bewohner dieser Kulissen ihre innere Leere. Der Abgrund ist da nicht mehr weit.

Flop:

Wenn sich vier Parteien auf einmal miteinander anlegen, weiß der Zuschauer: Die lieben Nachbarn können einem das Leben verdammt schwer machen. Dass das Drehbuch auch noch Kommissar Freddy Schenk dazu vergattert, einen sinnlosen Streit mit seinem Nachbarn austragen zu müssen, wirkt aufgesetzt.

Bester Auftritt:

Am ersten Abend nach dem Mord wollen Ballauf und Schenk Anne Möbius einen Besuch abstatten: Die gelangweilte und von ihrem Ehemann vernachlässigte Frau ist nach neuesten Erkenntnissen der Spurensicherung dringend tatverdächtig. Doch die Ermittler können sich vor der verschlossenen Haustür nicht bemerkbar machen, obwohl Möbius ganz offensichtlich zu Hause ist: Aus dem Gebäude dröhnt laute Musik: "Hungry Heart" von Bruce Springsteen. Die Kommissare gehen durch die Garage ums Haus auf die Veranda und sehen Möbius im Wohnzimmer leicht bekleidet gedankenversunken allein schwofen. Sie hält sich mit einem harten Drink in Stimmung, den sie fest an ihren Busen drückt. Schenk klopft ans Fenster, doch keine Chance: Möbius nimmt die Außenwelt in ihrer Entrückung nicht mehr war. Da stehen sie nun also, die zwei Herren von der Kölner Mordkommission in der dunklen Bockersender Nacht, strengen Blicks und zu peinlich berührt, um herzlich lachen zu können. Denn das wäre jetzt wirklich angebracht.

Die Schlusspointe:

"Komm Junge, flieg, flieg!" Die Aufforderung, die Freddy Schenk am Schluss an den Papagei des Nachbars richtet, der ihm mit seinem Gekrächze den Schlaf raubt, gilt auch für alle anderen Protagonisten dieser Tatort-Folge: "Liebe Nachbarn, fliegt!", "Macht Euch frei!", "Öffnet Euch!"

Die besten Zuschauerkommentare: