"Tatort"-Nachlese:Verschwört euch gegen euch

Tatort: Der rote Schatten; Tatort "Der rote Schatten"

Man sieht ihr vorwiegend beim Sex oder beim Schießen zu: die Terroristin Astrid Frühwein (Heike Trinker) bei einem Überfall auf einen Geldtransporter

(Foto: SWR/Julia von Vietinghoff)

Im Stuttgarter "Tatort" geht es um die RAF und den Deutschen Herbst. "Der rote Schatten" verschränkt sehr kunstvoll Fakten mit Fiktion - und führt dabei auch vor, wie Verschwörungstheorien funktionieren.

Von Luise Checchin

Erkenntnis:

"Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen" heißt ein berühmtes Zitat von William Faulkner und es könnte auch über diesem Stuttgarter Tatort stehen. In "Der rote Schatten" fragt Regisseur Dominik Graf, wie die Zeit der Roten Armee Fraktion (RAF) heute, vierzig Jahre nach dem sogenannten Deutschen Herbst, nachwirkt. Am 18. Oktober 1977 fand man die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe tot in ihren Zellen im Stammheimer Gefängnis auf. Was ist damals genau geschehen? Und wie hat es die Stadt Stuttgart, in der all das vorgefallen ist, geprägt? "Der rote Schatten" bettet eine fiktive Geschichte in einen historischen Kontext ein und stellt dabei mehr Fragen, als er Antworten gibt. Eines aber macht der Film deutlich: Je eifriger versucht wird, gewisse Fragen zu verdrängen, desto heftiger kommen sie irgendwann zurück.

Darum geht es:

Zwei Ereignisse, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, stehen am Anfang dieses Tatorts: Ein paar seit Jahrzehnten untergetauchte RAF-Terroristen überfallen einen Geldtransporter und eine Frau ertrinkt in der Badewanne. Die Kommissare Thorsten Lannert und Sebastian Bootz sind eigentlich für keinen der Fälle zuständig, trotzdem sind sie bald in beiden mittendrin. Denn der Ex-Mann der ertrunkenen Frau ist überzeugt, sie sei ermordet worden. Er verdächtigt ihren Liebhaber, Wilhelm Jordan. Der wiederum war in den Siebzigerjahren im linksextremen Stuttgarter Milieu unterwegs und steht, wie sich herausstellt, noch immer mit der untergetauchten Terroristin Astrid Frühwein in Kontakt. Bald fragen sich Lannert und Bootz, ob es sich bei Jordan nicht sogar um das verschwundene ehemalige RAF-Mitglied Holger Stängl handeln könnte. Stängl hatte - so die Ermittlungen der Kommissare - in den Siebzigerjahren mit dem Verfassungsschutz kooperiert. Seine Aussage soll demnach entscheidend dazu beigetragen haben, die Tode von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe als Selbstmorde einzuordnen. Je tiefer die Kommissare in Jordans Biografie graben, desto plausibler erscheint der Verdacht. Das Problem ist nur: Der Verfassungsschutz ist über die Ermittlungen der beiden kein bisschen erfreut und blockiert sie, wo es geht.

Bezeichnendster Dialog:

Im Nieselregen sitzen die Kommissare Lannert und Bootz auf dem Krankenhausparkplatz, da fängt Lannert plötzlich an, sich an seine Jugend in den späten Siebzigerjahren zu erinnern.

Lannert: Damals wollten alle wissen, was wirklich in Stammheim passiert ist. War es Selbstmord oder Mord? Immerhin war es der Kampf der Kinder gegen ihre Väter.

Bootz: Du klingst ja wie der letzte Radikale von damals.

Lannert: Wir haben den Hunger in Afrika gesehen, Sebastian. Und uns war sofort klar: so darf die Welt nicht sein, so kann sie nicht sein. Diese Ungerechtigkeit. Und dann überall diese alten Nazi-Köppe. Lehrer, Politiker. Vor allem in der Justiz. Worum uns aber die RAF gebracht hat, war die Neugier und die Sehnsucht, die damals herrschten. Politisch und gesellschaftlich. Die haben sie weggebombt, die Sehnsucht.

Flop:

Über die Mentalität der RAF-Sympathisanten erfährt man wenig Interessantes in "Der rote Schatten". Was einen noch am stärksten berührt, sind die dokumentarischen Elemente, die Dominik Graf in die Geschichte einwebt. Die Motive der fiktiven RAF-Anhänger sind dagegen als Leerstellen inszeniert: Die Terroristin Astrid Frühwein sagt kaum mehr als drei Sätze, man sieht ihr vornehmlich beim Sex oder beim Schießen zu. Und der V-Mann Wilhelm Jordan ist ohnehin mehr Opportunist als Idealist. Der Einzige, der sich Mühe gibt, den Geist der vergangenen Zeiten zu ergründen, ist Kommissar Lannert (siehe oben). Aber diese Vermittlungsversuche wirken so hölzern und bemüht, dass man sie am liebsten überhören möchte. Spätestens, wenn Lannert davon erzählt, wie charmant Gudrun Ensslin ihn als 16-Jährigen einmal in einer Hamburger Wohngemeinschaft angelächelt hat, fällt es schwer diesen Erzählstrang ernstzunehmen. Es sollte wirklich verboten werden, Tatort-Kommissaren eine Vergangenheit passend zum Folgen-Inhalt anzudichten.

Top:

Dominik Graf versteht es ganz meisterlich, Fiktion und Tatsachen miteinander zu verschränken. Da ist zum Beispiel Gudrun Ensslins Stimme aus dem Off, die sich über das Bild des nächtlichen Stuttgarts legt. Da sind dokumentarische Filmschnipsel von der Beerdigung Baaders, Ensslins und Raspes, in denen plötzlich Tatort-Protagonisten auftauchen. Und da sind immer wieder Handlungsstränge, die irgendwo Anknüpfungspunkte in der Realität haben. Immerhin fahnden die deutschen Behörden derzeit wirklich nach drei lange untergetauchten RAF-Anhängern, die ihren Lebensunterhalt mutmaßlich mit Banküberfällen verdienen. Auch die Verdächtigungen, die einige Protagonisten in "Der rote Schatten" verbreiten - wonach die Tode der drei RAF-Terroristen in Stammheim gar keine Selbstmorde waren oder zumindest von den Behörden billigend in Kauf genommen wurden - kursieren seit Jahrzehnten. Sie haben, wie alle Verschwörungstheorien, durchaus einen realen Kern, auf den sie sich gründen können - einige Ungereimtheiten zur Todesnacht zum Beispiel oder zurückgehaltene Akten. Was ist hier echt, was ausgedacht? Das fragt man sich ständig in "Der rote Schatten". Ist so eine Erzählweise nun legitim? Oder sollte man in Zeiten, in denen Verschwörungstheorien florieren, nicht besonders vorsichtig damit umgehen? Im Journalismus sicherlich. In der Fiktion sicherlich nicht. Denn genau diese Verunsicherung, was nun wahr sein könnte und was erfunden, bringt einen ja dazu, über das Wesen von Verschwörungstheorien nachzudenken.

Die Pointe:

Wilhelm Jordan wird vom Verfassungsschutz ermordet, sein Tod im Anschluss auf einer Pressekonferenz als Selbstmord verkauft. Bootz, Lannert und die Staatsanwältin Emilia Álvarez stehen stumm dabei und lächeln gequält. Keine Versöhnung also mit den Dämonen der Vergangenheit, es wird eifrig weiter verdrängt.

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