Tatort-Nachlese Experiment geglückt

Noch steht sie mit beiden Beinen im Leben: Theaterleiterin Sophie Fettèr (Malou Mott, rechts) bereitet sich auf die Premiere vor.

(Foto: SWR/Martin Furch)

Der erste Tatort ohne Drehbuch funktioniert bestens. Selten ist man der kurpfälzischen Volksseele näher gekommen.

Kolumne von Paul Katzenberger

Erkenntnis:

Die Tatort-Folge "Babbeldasch" ist eine Huldigung der deutschen Provinz in ihrer faszinierenden Vielschichtigkeit, ihren Menschen mit allen Stärken und Schwächen. Selbst Hauptkommissarin Lena Odenthal, die immerhin schon seit mehr als 27 Jahren in Ludwigshafen am Rhein ermittelt, erliegt dem Charme des "Babbeldasch"-Mundart-Theaters und seiner Macher so sehr, dass sie ihre Ermittlungen zunächst undercover betreibt, um in diesen Mikrokosmos eintauchen zu können. Was ihr dort mit Groß- und Kleindarstellern zustößt, die zwischen Bühne und Leben kaum noch unterscheiden können, wird sie noch lange in ihren Träumen begleiten.

Eigentlich dreht sich der Fall jedoch um ...

... den vollkommen unerwarteten Tod der "Babbeldasch"-Prinzipalin Sophie Fettèr (Malou Mott), die während der Premiere des Stücks "Die Oma gibt Gas" plötzlich einem allergischen Schock erliegt. Zunächst scheint es sich bei Sophies Ableben um einen tragischen Unfall zu handeln. Davon geht sogar Odenthals bauernschlaue Sekretärin Edith Keller aus, die immerhin schon so manch entscheidenden Hinweis zur Lösung eines Falls beigetragen hat. Allerdings hat Keller auch deutlich besser als die Chefin im Blick, dass die Personaldecke der Mordkommission urlaubsbedingt gerade dünn ist - da ermittelt man nicht voreilig in einem Fall, der gar keiner ist.

Und dann geht's doch um ...

... eine höhere Macht, die dafür sorgt, dass Wahrheit ans Licht kommt. Denn die tote Sophie verfolgt Odenthal sogar bis in ihre Träume. Keine Nacht vergeht, in der die Ermordete die Ermittlerin nicht antreibt, ihren Mörder zu finden. Mit ihrem Spürhund-Instinkt nimmt Odenthal inkognito die Fährte zu den Theaterleuten auf und gerät schnell in ein kompliziertes Beziehungsgeflecht mit offenen und verdeckten Abhängigkeiten. Sophie, so viel ist schnell klar, war ein umtriebiges Früchtchen mit vielen Männergeschichten - und da lebt es sich manchmal gefährlich. Zu gefährlich, wie sich in ihrem Fall dann doch herausstellt.

Der erste Impro-Tatort der Weltgeschichte

In "Babbeldasch" sieht man die Ludwigshafener Ermittler an der Seite von Laienschauspielern improvisieren. Im Grunde seines Herzens ist dieser Tatort aber furchtbar konventionell. TV-Kritik von Holger Gertz mehr ...

Bester Dialog:

Das "Babbeldasch"-Ensemble und seine Mitstreiter haben zum 30-jährigen Jubiläum des Theaters geladen - im Foyer herrscht ausgelassene Feierstimmung. Plötzlich bahnt sich ein Herr den Weg durch die Menge. Er stellt sich Sophie gegenüber als ein "Sperling von der Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd" vor. Auf der Treppe habe er sich "fascht e Haxe gebroche", sie solle ihm Unterlagen vorlegen, dass hier alles sicher sei. Es entsteht ein Streit, in den sich "Babbeldasch"-Laiendarsteller Thomas Burger einschaltet:

Burger: "Herr Sperling, darf ich mich kurz vorstellen: Polizeidirektion Mannheim. Können wir das grad draußen ..."

Sperling: "... erstens dürfe Se sich net vorstelle, weil isch grad in nem Gespräch drin bin, zwetens sin Sie von Mannhemm, und da habe Sie hier scho mal gar nix zu melde, und isch geh jetzt net raus."

Burger greift Sperling am Arm und versucht ihn in Richtung Ausgang zu schieben.

Sperling: "Nein, wir kläre des net drauße, wir kläre des hier."

Burger lässt nicht locker

Sperling wird laut: "Wenn Se misch jetzt no mo anfasse, is de Bock fett."

Burger beschwichtigend: "Ja, Herr Sperling."

Sperling brüllt: "Finger weg!"

Top:

Dieser Ludwigshafen-Tatort ist ein Experiment, das voll geglückt ist. Denn "Babbeldasch" ist die erste Folge der Krimireihe, die ohne Drehbuch und komplett improvisiert gedreht wurde. Das Ergebnis: sehr viel Leidenschaft. Nur wenige Regisseure hätten dieses Unterfangen so gut umsetzen können wie Axel Ranisch. Das Multitalent ("Dicke Mädchen", "Alki Alki") dreht immer ohne Drehbuch. Als Volltreffer erweist sich auch die Entscheidung, die Nebenrollen fast alle mit Darstellern des Ludwigshafener Laien-Theaters Hemshofschachtel zu besetzen. Selten ist man der kurpfälzischen Volksseele so nahe gekommen.

Flop:

Es ist ja sympathisch, dass sich Odenthal und Fallanalytikerin Johanna Stern nach mancher Zwistigkeit in den vergangenen Sendungen wieder näherkommen. Doch wie sie durch ein gemeinsames Rollenspiel darauf kommen, dass eine Frau die Täterin gewesen sein muss, ist an den Haaren herbeigezogen.

Wer ermittelt wo mit welchen Tricks?

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Bester Auftritt:

Hauptkommissar Kopper lädt alle Kollegen feierlich zum Essen ein - er habe etwas anzukündigen. Die Neuigkeit muss wichtig sein, denn Kopper gibt sich jede Mühe. Der Tisch biegt sich vor Leckereien: "Ich hoff', es schmeckt Euch", sagt er zu seinen Gästen, "das ist ein Orangen-Fenchel-Salat, das ist eine klassische Carbonata, hier eine ganz wunderbare Käseplatte, da haben wir zwei Provolone, zwei Pecorino und einen Moliterno di Tartufo, also mit Trüffel." Kaum wird mit Prosecco angestoßen, biegt die Kollegin Stern mit ihren schreienden Zwillingen im Kinderwagen um die Ecke: "Hallo Überraschung! Die sind leider ein bisschen krank." Das Essen geht in Kindergeschrei unter. Kopper bekommt einen stieren Blick. Er haut mit einer Flasche Wein einfach ab.

Die Schlusspointe:

Der Schauspieler Matthias Brandt hat kürzlich angekündigt, als "Polizeiruf"-Kommissar Hans von Meuffels aufzuhören. "Noch lieber als Polizist bin ich nämlich Schauspieler", sagte er zur Begründung. In der Schlussszene dieser Tatort-Folge muss man nun den Eindruck bekommen, dass Lena Odenthal zumindest unterbewusst ganz ähnliche Gedanken umtreiben wie den Kollegen von Meuffels. Denn da träumt die dienstälteste Tatort-Kommissarin von sich selbst als ganz wunderbarer Schauspielerin.

Die besten Zuschauerkommentare: