Tatort-Nachlese Die wahren Feinde sitzen in den eigenen Reihen

Frauke Petry, Alice Weidel und Beatrix von Storch in Personalunion: Anja Kling (Mitte) als Nina Schramm, Vorsitzende der Neuen Patrioten.

(Foto: NDR/Christine Schroeder)

Im Tatort "Dunkle Zeit" erinnert alles an die AfD und ihre Mitglieder. Ein mutiger Fall, der die richtigen Fragen stellt. Wären da nicht die schwachen Nebenfiguren.

Von Carolin Gasteiger

Die Erkenntnis:

Jetzt hat es die AfD in den Tatort geschafft. In "Dunkle Zeit" dient sie der rechtspopulistischen Partei "Die Neuen Patrioten" als Vorbild. Die Fraktionsvorsitzende Nina Schramm verkörpert Frauke Petry, Alice Weidel und Beatrix von Storch in Personalunion. Dabei stellt der Fall aktuelle politische Fragen wie: Wie geht man mit den Rechten um? Wie mit Populisten? Zumindest im Tatort sitzen die wahren Feinde der "Neuen Patrioten" in den eigenen Reihen und sorgen dafür, dass sich die Partei von innen heraus zerfleischt.

Darum geht's:

Die Bundespolizisten Thorsten Falke und Julia Grosz sollen Nina Schramm, der Vorsitzenden der "Neuen Patrioten", Personenschutz geben. Es liegen anonyme Morddrohungen vor. Vor allem Falke kann und will seine Abneigung gegenüber Schramm und ihrer Partei nicht verbergen. Als dann aber Schramms Ehemann durch eine Autobombe ums Leben kommt, hat die rechtspopulistische Partei schnell ihre Gegner ausgemacht: den linken Mob und die Polizei, die den Anschlag nicht verhindern konnte. Falke und Grosz müssen versuchen, professionell zu bleiben - und ihre eigenen politischen Ansichten hintan zu stellen.

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Bezeichnender Dialog:

Ihr Deutschland, mein Deutschland - ein Land und doch grundlegend verschieden. So könnte man das folgende Gespräch zwischen Populistin Schramm und Polizist Falke subsumieren.

Schramm: Jetzt seien Sie doch mal ehrlich, Herr Falke. Sie werden andauernd dazu angehalten, Probleme mit bestimmten Tätergruppen zu vertuschen, weil die Poliker Angst haben. Angst vor der berechtigten Wut des Volkes vor einer verfehlten Einwanderungspolitik. Gleichzeig streichen dieselben Poliker bei der Polizei Stellen und schaffen damit immer mehr rechtsfreie Räume. Und Sie wundern sich wirklich, dass das Volk in seiner großen Mehrheit diesen Gestalten nicht mehr vertraut?

Falke: Ich erzähle Ihnen mal was, Frau Schramm. Da, wo ich aufgewachsen bin, hier im wunderschönen Hamburg, in Billstedt, da gab es immer schon mehr Ausländer als Deutsche, vor allem Türken. Und natürlich habe ich aufs Maul gekriegt, als ungläubiger Alman, als Kartoffel. Und wissen Sie, was ich gemacht habe? Ich habe mich im Boxclub angemeldet und da waren auch die Jungs, die mir vorher aufs Maul gehauen haben. Aber als die gesehen haben, dass ich mich da angemeldet habe, waren die ganz stolz, dass ein Deutscher mit ihnen trainieren will. Der Boxclub hieß Wacker Vorwärts 1904 e.V. So heißt er heute noch. Der Vorsitzende ist Ali, ein Kumpel von mir, die Trainer heißen Yusuf, Milan und Kenbala, alle ehrenamtlich, und seit 15 Jahren trainieren da auch Mädchen, viele Muslima, einige sogar mit Kopftuch. Das ist mein Deutschland, Frau Schramm.

Schramm: Herr Falke? Da, wo Sie aufgewachsen sind, habe ich bei den letzten Bürgerschaftswahlen mit meiner Partei 13 Prozent geholt.

Top:

Niki Stein ist mit "Dunkle Zeit" ein sehr mutiger Tatort gelungen. Obwohl der Fall vor der Bundestagswahl gedreht wurde, ist das Thema immer noch aktuell. Und wie schwierig es ist, mit populistischen Parteien und deren Ansichten umzugehen, illustriert Stein in vielen kleinen Szenen. Etwa, wenn Politikerin Schramm die Polizistin Grosz angesichts der Flüchtlingsproblematik als naiv bezeichnet und deren Einwände eloquent zerlegt. Das, worüber sich in der Realität AfD-Anhänger und alle anderen streiten, fechten in diesem Tatort stellvertretend die "Neuen Patrioten" auf der einen und die beiden Kommissare auf der anderen Seite aus.

Flop:

So überzeugend die politischen Figuren in "Dunkle Zeit" gezeichnet sind, so holzschnittartig wirken viele andere. Vor allem das linksautonome Pärchen Paula und Vincent - sie von den Rechten gekauft, er ein treudoofer Polit-Lemming - verkommen zum Klischee. Als würden Wuschelfrisur, Piercings und Lederjacke schon einen Aktivisten ausmachen. Und was Falke angeht: Zwar setzt er mit seinen Proll-Sprüchen und den schrägen Nazi-Vergleichen einen gelungenen Kontrapunkt zur Menschenfänger-Rhetorik der Populisten. Aber Falke kann doch mehr als naive Heimatliebe und oberflächliche Linksradikalität. Als ihm Kollegin Grosz dann sogar das Du verweigert, wünscht man sich ein bisschen mehr Tiefgang für den langsam ziemlich plump geratenen Kommissar.

Die Pointe:

Falke verhindert, dass ein weiterer Parteifunktionär der "Neuen Patrioten" getötet wird. Aber dabei erschießt der Kommissar selbst die Attentäterin Paula. In einem Statement vor der Presse dankt Parteivorsitzende Schramm scheinheilig und wider Erwarten der Polizei, die sogar der Demokratie einen Dienst erwiesen habe. Falke verfolgt das Statement zu Hause vor dem Fernseher, hält es aber irgendwann nicht mehr aus und stellt das Gerät ab. Sein Sohn fragt: "Was denn? Die reden über dich. Ist doch gut." "Findste?", lautet Falkes nachdenkliche Antwort. Dieses Nachdenkliche könnte ruhig öfter von ihm kommen.