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"Tatort"-Nachlese:An der Grenze der Leidensfähigkeit

Tatort: Déjà-vu; Tatort Déjà-Vu Dresden MDR

Stefan Krüger versucht verzweifelt, zu seinem ermordeten Kind zu gelangen.

(Foto: MDR/Wiedemann & Berg/Daniela Inc)

Ein pädophiler Mörder fügt zwei Familien entsetzliches Leid zu. Auch den Ermittlern des Dresden-"Tatorts" setzt der Fall enorm zu - und den Zuschauern.

Die Erkenntnis:

Es gibt wohl kaum etwas Schlimmeres, als wenn das eigene Kind spurlos verschwindet. Die Eltern, denen das in diesem Dresden- Tatort widerfahren ist, kämpfen drei Jahre danach noch immer mit der Leerstelle in ihrem Leben. Weil ihr Sohn Jakob weder tot noch lebendig gefunden wurde, können sie den Verlust nicht verarbeiten - möglicherweise taucht er ja wieder auf. Vater Matej stellt sich diesem Schicksal mit großer Wahrhaftigkeit. Deswegen versucht er Oberkommissarin Karin Gorniak zu helfen, die Wahrheit herauszufinden. Und bekommt Ärger mit seiner Frau Julia, die sich einredet, Jakob sei ertrunken und an dieser Theorie keine Zweifel duldet. Eine verständliche Flucht vor der Realität: Jakobs Mutter will einfach eine Antwort, um ihren Seelenschmerz langsam hinter sich lassen zu können. Das Kino hat dieses elementare Trauma schon viel radikaler dargestellt als dieser Tatort. Trotzdem lotet er die Grenze der Erträglichkeit ziemlich weit aus, was angesichts des monströsen Themas allerdings absolut angemessen ist.

Darum geht's:

Die Leiche des neunjährigen Rico Krüger wird am Elbufer gefunden, nachdem er kurz zuvor spurlos verschwunden war. Die Obduktion des Leichnams durch Rechtsmediziner Falko Lammert ergibt, dass das Kind erst sexuell missbraucht und dann ermordet wurde. Der Täter ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Pädophiler. Kommissariatsleiter Schnabel reagiert besonders emotional auf die heimtückische Tat. Drei Jahre zuvor konnte er in einem ähnlichen Fall das Verschwinden des damals ebenfalls neunjährigen Jakob nicht aufklären. Dieses Mal will er unter keinen Umständen versagen. Nicht noch einmal. Er fordert von sich und seinen Leuten daher maximalen Einsatz.

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Aber dann geht es doch vor allem darum...

... welch erschütternde Folgen die pädophile Neigung eines jungen Mannes nach sich zieht, wenn er sich selbst gegenüber nicht ehrlich ist und von seinem Umfeld gedeckt wird. René Zernitz weiß um seine Veranlagung, doch er kaschiert sie als Techniker bei den Stadtwerken hinter einer normal erscheinenden bürgerlichen Existenz. Zu dieser Fassade gehört auch seine Freundin Jennifer Wolf. Dass ihre Beziehung zu ihm wegen seiner pädophilen Sexualpräferenz erheblich gestört ist, verdrängt sie. Indirekt macht sie sich so am Tod von zwei Kindern mitschuldig.

Bester Dialog:

Der Täter René Zernitz hat sich aus dem Fenster seiner Wohnung zu Tode gestürzt - kurz bevor er festgenommen werden konnte. Die Ermittler suchen nach Zernitzs Handy, um belastendes Material sicherzustellen."Vielleicht in der Hosentasche", ahnt Oberkommissarin Henni Sieland. Ihre Kollegin Karin Gorniak stürzt sofort nach unten, wo zwei Leichenbestatter gerade Zernitzs Leichnam ins Auto laden. Es entspinnt sich eine Szene von selten böser Komik zwischen einer engagierten Ermittlerin und Bediensteten, die so schnell wie möglich in den Feierabend wollen.

Gorniak zu den Leichenbestattern: "Halt, stopp, stehenbleiben."

Die Leichenbestatter bleiben mit der Bahre mitten auf der Straße stehen. Gorniak rennt auf der Suche nach Zernitzs Handy weiter zum Wagen von Rechtsmediziner Falko Lammert. Der hat das Handy tatsächlich an der Leiche gefunden und gibt es ihr nach einigem Hin und Her mitsamt den erforderlichen Handschuhen.

Ein Leichenbestatter: "Sagen Sie mal, wie lange dauert das noch?"

Gorniak: "Moment noch!"

Gorniak stellt fest, dass die Handy-Sicherung per Fingerabdruck des Eigentümers freigeschaltet werden kann. Sie rennt zu den Leichenbestattern, die wie angewurzelt dastehen.

Gorniak im Befehlston: "Absetzen!"

Leichenbestatter: "Muss das sein?"

Gorniak: "Ja, muss sein!"

Mit dem linken Zeigefinger von Zernitzs Leiche gelingt es Gorniak tatsächlich das Handy freizuschalten.

Gorniak: "Geil!"

Lammert: "Da sagt man Danke, Herr Lammert!"

Top:

Die Szene, in der der pädophile Täter René Zernitz mit seiner Freundin Sex hat, belegt anschaulich, dass eine pathologische Liebesbeziehung nur über den Weg von Manipulation und Selbstbetrug funktionieren kann. Denn René ist es eigentlich nicht möglich, mit einer Frau sexuelle Erfüllung zu erleben. Das gelingt ihm nur, wenn sie als Geschichtenerzählerin bei ihm sexuelle Phantasien mit Knaben weckt. Dass sie das mitmacht, obwohl es alles andere als eine Bestätigung für eine Frau sein kann, ist nur dadurch zu erklären, dass es der einzige Weg für sie ist, überhaupt irgendeine Form von Nähe zu ihm herzustellen.

Flop:

Die Dünnhäutigkeit seiner Figur Peter Michael Schnabel stellt Martin Brambach so übertrieben dar, dass sie aufgesetzt wirkt. Es mag ja sein, dass es dem Kommissariatsleiter an die Nieren geht, dass er das Verschwinden von Jakob Nemec nicht aufklären konnte. Doch deswegen ist man nicht gleich auf 180, nur weil einem ein Kaffee angeboten wird.

Beste Szene:

Die mit extremem Einsatz geführte Suche nach dem pädophilen Täter setzt der Ermittlerin Gorniak so sehr zu, dass sie ihre Nerven gegenüber dem pubertierenden Sohn Aaron nicht im Griff hat. Als ihr heimlicher Liebhaber und Wohnungsnachbar Nick diesem ein Smartphone schenkt, rastet sie aus. Erst nimmt sie Aaron das Gerät gewaltsam ab, dann macht sie Nick eine Riesenszene, bei der er den Eindruck gewinnen muss, er sei in ihren Augen ein "Päderast". Merke: An einer ausgeglichenen Work-Life-Balance geht auf Dauer auch in Extremsituationen nichts vorbei.

Die Schlusspointe:

Aus den Daten auf René Zernitzs Smartphone lässt sich der Ort herleiten, an dem er die Leiche von Jakob Nemec versteckt hat, nachdem er den Knaben im Juli 2014 missbraucht und ermordet hatte. Tatsächlich werden die Ermittler dort fündig. Schnabel, Sieland und Gorniak machen sich gemeinsam auf den Weg zur Familie Nemec, um sie über die Ermordung ihres Sohnes aufzuklären. Endlich können Mutter und Vater mit aufrichtiger Trauerarbeit beginnen.