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"Tatort":München von seiner nackten Seite

Tatort: Hardcore,Szenenfotos; Tatort Hardcore BR

Erst Sex mit mehr als zwei Dutzend Maskierten, dann tot: Pornodarstellerin "Luna Pink".

(Foto: Hagen Keller; BR/Hagen Keller)

Dieser "Tatort" erzählt hübsche Episoden aus der Erotikwelt, die an Glanz verloren hat. Batic und Leitmayr bewegen sich darin sehr würdevoll.

Für die Webseite des Bayerischen Rundfunks hat Philip Koch, Autor und Regisseur dieser Münchner Tatort-Episode, ein längliches Gedankenstück verfasst über die Komposition seines Films im Speziellen sowie über die Pornoindustrie und die Verfasstheit der Welt im Allgemeinen und sehr Allgemeinen. Seine Geschichte über eine ermordete Pornodarstellerin soll die "Doppelmoral unserer Gesellschaft" kritisieren - denn "obwohl wir uns als so offene, aufgeklärte Gesellschaft geben und sehen", sei frappierend, wie tabuisiert die Branche noch ist.

Man könnte nach Lektüre also Schlimmstes befürchten, Aufklärungsfernsehen im doppelten Sinne, doch Philip Koch kann offensichtlich bessere Dialoge schreiben als Online-Beiträge. "Hardcore" ist neben der klassischen Mördersuche vor allem eine Aneinanderreihung von teils sehr hübschen Episoden aus der bunten Welt des Erotikfilms, die in Zeiten der digitalen und allgegenwärtigen Verfügbarkeit von Sex deutlich an Glanz verloren hat.

Fernsehen mit szenischen Erklärabsätzen

Zum Beispiel: Der heruntergekommene Pornoproduzent (schön trostlos: Markus Hering) sagt zu den beiden den Dreh störenden Kommissaren: "Ich hab da ein süßes Mädel mit zwei Typen mit 'nem schönen Schwanz, den haben sie jetzt extra 'ne halbe Stunde steif gehalten. Ich hab keinen Bock, dass die sich wegen euch zwei was einwerfen müssen, um vögeln zu können."

Die tote Frau wurde in der Nähe eines Planschbeckens gefunden, in dem die Kriminaltechniker nicht nur Wasser, sondern auch das Sperma diverser Männer finden. "Luna Pink" hatte am Abend ihres Todes vor laufender Kamera Sex mit mehr als zwei Dutzend Maskierten. Batic und Leitmayr machen ihre ehemalige beste Freundin Stella (Luise Heyer) ausfindig, die früher auch Pornodarstellerin war, sich dann aber für ein bürgerliches Leben entschieden hat. Damit dem Zuschauer der weite Weg von Stellas unappetitlicher Vergangenheit in ihre klinisch saubere Gegenwart auch begreiflich wird, verbringt sie ihre Tage weitgehend mit dem Abstauben von Elektrogeräten im Münchner Reihenhaus. Fernsehen mit szenischen Erklärabsätzen.

Macht aber fast nix, denn Batic und Leitmayr bewegen sich ausgesprochen würdevoll zwischen all den entblößten primären Geschlechtsmerkmalen hindurch. München von seiner nackten Seite.

Das Erste, Sonntag, 20.15 Uhr.

© SZ vom 07.10.2017/cag
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