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"Tatort" aus Berlin:Die Fratze des Kapitalismus

Tatort: Die dritte Haut

Leidenschaftsbegabte Ermittler: Rubin (Meret Becker, r.) und Karow (Mark Waschke).

(Foto: Gordon Muehle/rbb)

Der neue Fall von Rubin und Karow will ein bisschen dokumentarisch sein. Stichwort: Exzesse am Berliner Wohnungsmarkt.

Von Holger Gertz

Der Mieter im Duell mit dem Vermieter war schon in den frühen Siebzigern das Thema im BR, zu einer Zeit, als man das Wort Gentrifizierung noch gar nicht kannte. Der große Walter Sedlmayr war der reiche Vermieter Pröpper in der Tatort-Episode "Tote brauchen keine Wohnung", aber da waren die real existierenden Münchner Immobilienhaie aus dem Häuschen: So schlimm seien sie gar nicht. Weshalb der Film in den Giftschrank gesperrt wurde. Inzwischen ist er wieder in die Freiheit von Youtube entlassen worden.

Manche Themen kommen immer wieder im Tatort. Die RBB-Folge "Die dritte Haut" erzählt nun von den Exzessen am Berliner Wohnungsmarkt und ist darum bemüht, nicht in die Klischeefalle zu stolpern. Der Miethai ist kein Zigarre rauchender Altberliner namens Klawuttke, sondern eine ältere Frau, Gülay Ceylan, die aber auch nur ein Rädchen im Getriebe des Immobiliengeschäfts ist. Hier hält der Kapitalismus seine Fratze ins Licht: Wer nicht zahlen kann, fliegt raus. Die Alleinerziehende weiß nicht wohin. Die Rentnerin weiß nicht wohin. Und die Familie Malovčić geht sogar zurück nach Oldenburg.

Winkekatzen hören auf zu winken

Der Tatort also vor der Sommerpause mal wieder mit einem Relevanzthema: Katrin Bühlig hat das Buch geschrieben, Regisseur Norbert ter Hall spricht im Presseheft über die "dokumentarischen Züge" des Films, das ist ein enormer Anspruch an so einen Tatort. "Viele der Obdachlosen in unserer Geschichte leben tatsächlich auf der Straße", sagt ter Hall, sie werden als schweigende Statisten in die Handlung hineingeschnitten. Aber der Film findet oft nur Klischeebilder für unbehaustes Leben: Von der aus der Wohnung geworfenen Familie bleiben Filzstiftstriche am Türrahmen - da, wo die Kinder ihre Körpergröße verglichen haben. Die alte Frau, vertrieben ins Seniorenheim, sieht die Welt nur noch hinter engen Fenstern. Winkekatzen hören auf zu winken. Und eine Mordsgeschichte muss ja auch noch eingepflegt werden, weil der Tatort keine Doku ist, sondern ein Krimi. Und weil die Kommissare Rubin (Meret Becker) und Karow (Mark Waschke) eigentlich mal angetreten waren als leidenschaftsbegabte Gegenentwürfe zu den Schreibtischermittlern, ist ihnen auch noch ein einigermaßen unambitionierter Quickie ins Buch geschrieben worden.

Dieser Tatort, der dokumentarisch sein will, streift zu vieles, bleibt flüchtig. Nur was das Maskentragen in Corona-Zeiten angeht, ist er tatsächlich dokumentarisch. Mal auf, mal ab, mal draußen mit und mal drinnen ohne. So bisschen macht's jeder, wie er lustig ist. Genau wie in echt.

Das Erste, Sonntag, 20.15 Uhr.

© SZ/tyc
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