Tatort Ludwigshafen Welt der Wunden

Kommissarin Lena Odenthal gibt einem verletzten und geschändeten Pferd den Gnadenschuss.

(Foto: dpa)

Die neue Härte beim SWR ist im Ludwigshafener Tatort deutlich zu spüren. Drastische Pferdemetzeleien und unheilschwangere Musik - der Fall eines abgestochenen Tierpflegers endet im Irrsinn.

Von Holger Gertz

Die Sonne stirbt wie ein Tier", heißt diese Episode, wäre man allerdings beim SWR ehrlich gewesen, hätte man sie "Der Tierpfleger stirbt wie ein Tier" nennen müssen. Darum geht es ja. Aber das mit der Sonne klingt natürlich wuchtiger.

Lena Odenthal entlässt sich aus der Reha, um den Fall zu klären, obwohl sie immer noch in einem derart tiefen Burn-out festhängt, dass sich alle Welt Sorgen um sie macht. Am Tatort liegt der abgestochene Tierpfleger, und ein Pferd muss von der Kommissarin per Gnadenschuss erlöst werden. Es gibt einen aus dem Satzbaukasten der Klischees zusammengezimmerten Verdächtigen: schwere Kindheit, schwerer Sprachfehler, schwere Kontaktstörungen, schwerer Druck in der Körpermitte.

Die Frau, an die er denkt, wenn er in seiner versifften Trainingshose herumfuhrwerkt, fährt dann allerdings überraschenderweise komplett auf ihn ab. Ludwigshafen ist die Stadt der Wunden, und der Wunder. "Lass uns renne", lockt die Frau. Jedoch, nur wenig später: "Ruf misch nie mehr an!" Beides klingt, im Singsang der Region, weniger entschlossen, als es wahrscheinlich gemeint ist.

Ekeleffekte als dreiste Stimmungsmacher

Regisseur Patrick Winczewski und Tatort-Vielschreiber Harald Göckeritz sind Feinde aller Subtilität, sie tragen in sämtlichen groben Linien zu dick auf, und auch in jedem Detail. Das apothekenumschauhafte Psychogeschwafel - der Bauch als innerer Kompass und so weiter. Die unheilschwangere Musik. Das Dialektgewitter. Das Nervpotenzial der so beflissenen neuen Kollegin Stern, die auch schlimme Wörter ganz cool ausspricht, weil die jungen Leute ja so abgebrüht sind heute.

Das ewige Herumgebrülle von mühevoll auf panisch getrimmten Menschen. Beim SWR haben sie sich eine neue Härte verordnet, beim letzten Mal lag ein Architekt mit einer Flasche Sekt im Hintern am Boden, diesmal sind die drastischen Schilderungen der Pferdemetzeleien ein ähnlich dreister Versuch, auf dem Umweg über den Ekeleffekt eine Stimmung zu erzeugen, die die Geschichte nicht hergibt.

Alles an dem Tatort führt geradewegs in den Irrsinn. Irgendwann macht sich nachts eine Meute von Pferde-Fans über den Verdächtigen her. Assistent Kopper ist so geschockt, dass er textlich - ansatz- und sinnlos - zurückspringt in Zeiten, als Bücher noch mit Federkiel geschrieben wurden. "Lasst ab von ihm", und: "Wehe, wenn sie losgelassen." Fahles Licht bescheint dabei sein Gesicht. Die Sonne ist zwar schon gestorben wie ein Tier. Aber immerhin: Der Mond funktioniert noch.

ARD, Sonntag 20.15 Uhr.

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