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"Tatort"-Kommissarin Sabine Postel:"Das tut mir gut"

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Als sie anfing, eine Bremer Polizeibeamtin zu spielen, hatte Sabine Postel Sorge, dass die Leute ihr das nicht abhnehmen werden. Und dass sie sich lächerlich macht, wenn sie mit der Waffe hantiert.

(Foto: imago/Future Image)

Ostern ermitteln Lürsen und Stedefreund zum letzten Mal - ein Gespräch zum Abschied, zum Beispiel über die Frage, warum sie am Anfang überhaupt nichts mit der Polizei am Hut hatte.

Interview von Harald Hordych

Am Ostermontag läuft der letzte Tatort des Bremer Kommissar-Duos Lürsen/Stedefreund, das Sabine Postel und Oliver Mommsen seit 2001 gespielt haben. Sabine Postel,64, war seit 1997 im Einsatz und ist damit die dienstälteste Kommissarin der Serie nach Ulrike Folkerts - mit großem Erfolg, die Tatorte dieses Duos zeichnet aus, dass Geschichten erzählt werden, die gesellschaftlich weit über Bremen hinausreichten. Sabine Postel kommt zum Interview etwas gehetzt, sie dreht gerade in Hamburg für die ARD-Serie Die Kanzlei.

Frau Postel, Sie haben sich mal als großer Tatort-Fan geoutet. Sie würden sich sonntags nicht verabreden, damit Sie ja keinen verpassen. Ist das immer noch so?

Nein. (Pause) Jetzt wird's heikel. In den letzten Jahren ist es bei mir ein bisschen weniger geworden. Das hat erst mal einen ganz praktischen Grund, weil ich so viel drehe und sonntagabends oft im Zug sitze. Danach habe ich oft keine Zeit und auch keine Lust mehr, in die Mediathek zu schauen. Es hat aber auch damit zu tun, dass mir das zu inflationär geworden ist.

Was ist Ihnen zu inflationär geworden?

Wir haben ja überall fast nur noch Krimis. Das ZDF hat nun den Samstag zum Krimitag auserkoren. Also ist am Sonntag Krimi, am Samstag ist Krimi, und zwischendrin laufen Krimi-Wiederholungen, und im Vorabendprogramm kommen auch nur noch Krimis. Ich sage damit nicht, dass die schlecht sind, viele sind sehr gut, manche Soko-Folgen sind brillant ...

... aber?

Aber für mein Empfinden sind es zu viele Krimi-Formate. Und ich will nicht jeden Tag einen Krimi sehen. Man hat dann das Gefühl: Jede Geschichte ist schon mal erzählt worden.

Ich finde deswegen erstaunlich, dass es immer wieder neue Geschichten gibt.

Ja. Auch bei uns in Bremen. Da klopf ich uns jetzt mal gewaltig auf die Schulter. Wir haben immer wieder richtig gute, brisante Stoffe. Ich habe zum Beispiel neulich noch mal die "Familienaufstellung" gesehen.

Der Tatort war wirklich fabelhaft.

Ein super Film war das. Über die vermeintlichen Ehrenmorde und die Wiederherstellung der Jungfernschaft und den Druck, der in einer türkischen Familie wegen der Ehre auf die Kinder ausgeübt wird - mutig. Sehr weit vorne! Und danach kamen noch ganz viele, die auch mutig waren.

Sie sprechen so positiv von den Bremer Tatorten. Da drängt sich schon die Frage auf, warum Sie überhaupt aufhören?

Das ist eine gute Frage, ich bin auch immer wieder in mich gegangen, seitdem die Entscheidung vor zwei Jahren gefallen ist. Es gab natürlich den Punkt, an dem ich gesagt habe: Ich fühle mich ein bisschen wie ein Hamster im Rad, weil ich parallel ja auch noch seit zehn Jahren Die Kanzlei drehe. Neben dem Tatort. Wenn man das hochrechnet, heißt das, ich habe seit zehn Jahren keinen langen Urlaub mehr gemacht. Da kommt man schon mal ins Grübeln.

Wie ist es mit dem Produktionsdruck? Hat der sich verstärkt in all den Jahren?

Wir hatten in den guten Zeiten 28 Drehtage. Alle anderen sind auf 24 runtergedampft, und wir sind bei 21. Radio Bremen ist ja ein kleiner Sender. Deswegen lobe ich uns ja immer. Weil wir mit dem kleinsten Budget so gute Sachen machen.

Die Bedingungen haben sich verschlechtert, aber die Qualität ist hoch geblieben?

Die Arbeitsbedingungen haben sich verschlechtert, die Qualität hat sich nicht verschlechtert. Das geht natürlich nur, wenn alle im Team mehr leisten. Anstatt dass man das aber mal honoriert, nach dem Motto, das ist ein Premiumprodukt, da schießen wir jetzt mal ein bisschen was rein, sagt man: Na also, geht doch auch so.

Und der andere Grund?

Das hatte auch mit dem Olli zu tun, der hatte auch so eine kreative Zweifelsphase. Was machen wir eigentlich sonst noch, außer Tatort? Wir hatten den Verdacht, dass die Figuren auserzählt sind.

Sie haben zwei Lieblingsduos beim Tatort. Die Kölner und die Münchner. Die sind noch länger im Dienst ...

Stimmt. Die habe ich auch vor Kurzem mal getroffen, und die haben gesagt: Sag mal, bist du bescheuert, warum machst'n das?

Und? Sie haben doch die Entscheidung mit Oliver Mommsen gemeinsam gefasst?

Ja, wir haben uns abgesprochen. Dazu muss man ein bisschen ausholen. Der Bremer Tatort hat diesen Beliebtheitsgrad wohl auch deshalb erlangt, weil wir beide uns zurückgenommen haben. Das haben Olli und ich am Anfang gar nicht so lustig gefunden, weil wir gedacht haben: Wir bilden den Rahmen für die Supergeschichten, und dann kommen irgendwelche berühmten Leute wie Ulrich Noethen und spielen - und wir sind die braven Bremer und sagen immer nur: Aha, hmmm, und wo waren Sie gestern zwischen 12 und 14 Uhr? Das ist jetzt übertrieben, aber wir haben oft das Gefühl gehabt: Jetzt würden wir auch mal gern ...

Dem Affen Zucker geben? Aber Ihre Bremer Sachlichkeit war doch gerade das Erfolgsgeheimnis. Dieses Sich-nicht-in-den-Vordergrund-Spielen!

Ja, die Zurückhaltung hat sich on the long run als gut herausgestellt. Weil natürlich jemand, der ständig mit den Neurosen eines Kommissars konfrontiert wird, wahrscheinlich spätestens nach 15 Jahren sagt: Jetzt weiß ich aber, wie der tickt. So sehr interessiert mich das nun auch nicht mehr.

Was nichts daran ändert, dass Ihre Art nicht gerade Schule gemacht hat.

Das ist natürlich momentan auch nötig, weil die neuen jungen Kommissare sich ja auch irgendwie positionieren müssen. In diesem weitgefächerten Umfeld, wo mittlerweile jeder einen Kommissar spielt oder einen Ermittler, musst du irgendwie eine Besonderheit haben, damit die Leute sagen: Wow! Was ist denn mit dem los? Wir mussten keine Neurosen kultivieren. Ich glaube, das war ein Erfolgsgarant für die 22 Jahre. Weil wir Zeit hatten, da reinzuwachsen. Wenn ich mir heute unsere frühen Dinger angucke, graust es mir vor mir selbst. Ich finde mich so steif. So ungebrochen.

Was haben Sie 1997, als Sie Ihr Amt als TV-Kommissarin angetreten haben, für die größte Herausforderung gehalten?

Als ich das Amt angetreten habe, habe ich mir selber nicht getraut. Ich war immer ein großer Selbstzweifler, und ich kann es auch heute manchmal nur schwer aushalten, mir selber zuzusehen. Zu der Zeit habe ich ja in Nicht von schlechten Eltern gespielt. Das war eine sehr nonkonformistische Vorabendserie. Ich spielte eine Mutter von vier Kindern, die ins Berufsleben zurück will. Danach bekam ich nur noch Mutterrollen angeboten. Und dann kam die Redakteurin von Nicht von schlechten Eltern und sagte: Wir wollen uns in den Tatort-Pool einkaufen. Hast du Lust?

Konnte Ihnen was Besseres passieren?

Na ja, ich habe der Sache zuerst überhaupt nicht getraut. Ich komme ja aus einer Generation, die mit der Polizei weiß Gott nichts am Hut hatte. Bei den Demos war ich immer auf der anderen Seite. Und dann habe ich mir gesagt: Ich weiß nicht, ob mir das jemand abnimmt? Ich würde mir die Kommissarin jedenfalls nicht abnehmen.

Wovor hatten Sie genau Angst?

Dass die Zuschauer sagen, wie kann diese liebenswerte, mütterliche Sabine Postel, die so warmherzig rüberkommt, wie kann die eine Kommissarin verkörpern, die sich in der Männerwelt durchsetzt?

Hatten Sie Angst, sich lächerlich zu machen, wenn Sie mit der Waffe hantieren?

Hatte ich. Weil ich mir selber das nicht abgenommen habe. Aber das habe ich natürlich niemandem gesagt, ist ja klar.

Was hat Ihnen gegen die Zweifel geholfen?

Der damalige Leiter der Kripo Bremen hat mir die Erlaubnis gegeben, dass ich nachts bei der Streifenpolizei mitfahren darf. Das war eigentlich nicht erlaubt. Aber das habe ich dann öfter mal gemacht.

Und wie war das? Unspektakulär?

Im Gegenteil. Das hat mein Bild von der Polizei geradegerüttelt. Für mich waren das ja immer Leute, die mir aggressiv gegenüberstanden und die ich bekämpfen wollte.

Der Demo-Feind?

Klar. Zuerst haben die auch gefremdelt, weil da plötzlich eine Schauspielerin auf der Rückbank saß. Aber dann haben sie gemerkt, die ist in Ordnung. Und bei den Einsätzen habe ich dann gemerkt, wie cool und solidarisch die miteinander umgegangen sind, mit welchem Respekt für hilflose Personen, die in keinem guten Zustand waren. Das hat mich tief beeindruckt.

Ihre Polizeiarbeit beim TV sah anders aus.

Einen Einsatz werde ich nie vergessen. Da haben sie die Wohnung eines Dealers durchsucht. Aufgeschnittene Kissen, das Sofa, jede Dose Reis ausgeschüttet. Und ich stand fassungslos daneben und sagte irgendwann: Und wer räumt das wieder auf? Da hab ich einen Tritt ans Schienbein bekommen. Weil jetzt jeder wusste, dass ich nicht dazugehöre. Da habe ich gedacht, ich werde nie ein Polizist, weil mir immer alle so leid getan haben. Ich war völlig fixiert auf das menschliche Elend und gar nicht auf die Ermittlungen.

Haben die 39 Tatort-Fälle Sie verändert?

Ich gucke tatsächlich kriminalistischer in die Welt. Ich war früher nicht so ein guter Menschenkenner, ich habe immer das Nette im Menschen gesehen. Und da bin ich ein paar Mal auf den Hintern gefallen, weil ich Leute falsch eingeschätzt habe.

Empfinden Sie das als Bereicherung?

Ja, ich gebe immer noch jedem die Chance, die er verdient, aber ich antizipiere, ob nicht vielleicht hinter diesen freundlichen Ausstrahlung noch was anderes steckt.

Passenderweise sind Sie ja nun in dem Alter, in dem Menschen auch für gewöhnlich aus dem Berufsleben ausscheiden.

Klar. Ich bin nur noch von Leute umgeben, die gemütlich in Urlaub fahren. Und immer zu mir sagen: Wieso arbeitest du eigentlich immer noch jeden Tag?

Es war ja auch der natürliche Renteneintrittstermin für Kommissarin Lürsen ...

Sagen wir mal so: Jetzt wo ich Tatort-Rentnerin bin, habe ich auch die Freiheit zu sagen: Ihr könnt mich alle mal kreuzweise. Das ist ein schönes Gefühl.

Hätten Sie das früher gerne mal gesagt?

Ich habe das immer schon gesagt. Aber man hat sich damit auch keine Freunde gemacht. Ich habe dann oft das Gefühl gehabt: Oh, musst ein bisschen aufpassen, du willst ja auch nächstes Jahr deine Miete noch bezahlen. Sagen wir mal so: Ich bin oft angeeckt. Aber immer begleitet von der inneren Unruhe, dass das womöglich Konsequenzen haben könnte und dass ich beruflich aufpassen muss. Das ist jetzt vorbei...

Klingt so, als treibe sogar große Schauspieler eine latente Existenzangst um?

Da sind auch viele große Stars nicht vor gefeit. Ich habe mal einen im Zug getroffen, auch einer von den ganz großen, der sagte: Du Sabine, wie weit hast du Einfluss? Ich würde gerne mal wieder... Das hat dann auch irgendwie geklappt. Für mich gilt: Ich bin sehr fit und arbeite immer nur mit Leuten, die halb so alt sind wie ich. Die mich wie ihresgleichen behandeln. Die vergessen immer ganz schnell, dass ich doppelt so alt bin wie sie. Und das tut mir gut!

Abgesehen vom kriminalistischen Blick, hat Ihnen der Tatort etwas gegeben, was Sie vorher nicht hatten?

Er hat mir ein anderes Selbstbewusstsein gegeben. Das ist ganz klar, wenn du plötzlich in der Bundesliga spielst.

Und vor allem drinbleibst.

Das ist eine gute Anmerkung. Weil es spielen ja viele dort - und sind nach drei Jahren weg vom Fenster und wundern sich dann. Man muss wirklich aufpassen, dass man nicht hochmütig wird in diesem Beruf.

Durch die Bewunderung der Fans?

Vor allem weil man gepampert wird ohne Ende, und zwar im Übermaß. Man muss wissen, das passiert nicht etwa weil alle Leute bei der Produktion ein großes Herz haben oder weil man so großartig ist, sondern weil alle wollen, dass man funktioniert.

Die Zuschauer nehmen am Ostermontag Abschied von Lürsen und Stedefreund...

Ich kann nur sagen: Holt die Kleenexbox raus. Wir haben alle so geweint bei der Abschiedsvorstellung.

Sie haben aber schon am letzten Drehtag im November Abschied genommen. Mit diesem Abstand: Wie haben Sie Inga Lürsen verkörpert? Was hat Ihre Persönlichkeit der Figur gegeben?

Mit meiner Grundsubstanz, die ich so habe. Dass ich sehr direkt bin, dass ich sehr ehrlich bin, mische mich ein bei sozialen Ungerechtigkeiten und das habe ich auch versucht, in die Figur einzubringen. Ich habe immer gesagt: Es muss ein Teil von mir dabei sein, damit die Leute mir glauben. Das war ein Traum von mir, dass die Zuschauer merken: Die meint es ehrlich.

© SZ vom 20.04.2019
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