"Tatort"-Kolumne Wenn die Guten das Böse im "Tatort" verursachen

Zum Jubiläum gibt's Espresso aus Pappbechern. Irgendwie passend.

(Foto: Roxy Film GmbH/Regina Recht)

Zum 25-jährigen Dienstjubiläum rollen Batic und Leitmayr in "Mir san jetzt da, wo's weh tut" einen alten Mordfall wieder auf. Und alles wird immer schlimmer.

TV-Kritik von Holger Gertz

Ein Mord im Prostituiertenmilieu, es geht um Leben und Sterben von rumänischen Frauen, die nach Deutschland geschafft werden, vom Bahnhof ins Bordell. "Und dann zehn Jahre lang jeden Tag ficken", sagt Ivo Batic. Da draußen brennt die Welt, aber der innere Krieg ist viel näher. Der Mensch als Wegwerfartikel: Jedes Jahr kommen Tausende Mädchen nach München, um als Prostituierte zu arbeiten. Die Ermittler Batic und Leitmayr (Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl) stammen aus einer Zeit, als die Kommissare sich nicht in erster Linie um die Regulierung des eigenen Seelenfriedens kümmern mussten.

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Sie wollen die Welt besser machen, und deshalb rollen sie einen Prostituiertenmord noch einmal auf, sie wollen zum 25. Dienstjubiläum nicht einfach "gschissenen Champagner" (Leitmayr) trinken, sondern einen Ermittlungsfehler korrigieren. Die gute Absicht allerdings sorgt dafür, dass alles nur noch schlimmer wird. Die Guten verursachen das Böse. Das ist die Geschichte, und sie hat einen angemessenen Titel: "Mir san jetzt da, wo's weh tut."

Die Episode ist von Max Färberböck, gemeinsam mit Catharina Schuchmann hat er auch das Buch geschrieben, die beiden haben schon den Franken-Tatort aus Nürnberg entwickelt und vor zwei Jahren die wunderbare Münchner Folge "Am Ende des Flurs" mit dem grandiosen Kroetz. Färberbock-Stücke schweben, die Geschichten leben auch durch die Musik, durch Bilderfetzen, durch die Flüchtigkeit von Clips und Assoziationen. In Nürnberg hatte der Himmel immer wieder seinen Auftritt, der Himmel, den die Menschen nie erreichen. In München allerdings ist es diesmal von allem sehr viel. Die Last der Schuld auf den Kommissaren. Die Verlorenheit eines Pärchens auf der Flucht. Die Ruchlosigkeit verschiedener Gestalten aus dem Milieu, ein Jäger, der zum Werwolf wird. Überall Leichen, auch solche, die einen Leopard II als Tattoo auf dem Penis tragen.

Vor Kurzem kam aus München der hervorragende Polizeiruf mit Meuffels: "Und vergib uns unsere Schuld". Auch eine Geschichte über Ermittlungsfehler und Lawinen des Erinnerns, unter denen man Jahre später vergraben werden kann. Aber alles so klar aufgebaut, und alle Effekte so behutsam gesetzt, dass man sich noch Wochen danach an das Geräusch eines Spatenblatts erinnert, das zum Filmschluss in die Erde fährt.

In dieser Episode überdecken sich Ideen und Bilder und nehmen sich die Kraft. "25 Jahre hab ich nicht so eine Scheiße gehabt", sagt ein König des Milieus. So schwach ist dieser Münchner Tatort natürlich nicht. Aber es gab schon bessere, in den letzten 25 Jahren.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

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