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"Tatort" aus Weimar:So unangestrengt kann Witz aussehen

Tatort: Der treue Roy; Tatort MDR Der treue Roy Tschirner Ulmen

Warum nicht einfach kurz und simpel? "Eine Arschkrampe wie sie im Buche steht", wird der neue Kriminaltechniker (2. v. l.) im Weimarer Tatort vorgestellt.

(Foto: MDR/Anke Neugebauer)

Schon wieder ein "Wunsch"-Tatort aus Weimar. Die Kommissare Dorn und Lessing zeigen einmal mehr, wo das wahre Humor-Zentrum des deutschen Krimifernsehens zu finden ist. Die Kritik von damals.

TV-Kritik von Katharina Riehl

Diese Tatort-Kritik ist am 22. April 2016 in der Süddeutschen Zeitung erschienen. Aufgrund der Wahl zum Wunsch-Tatort wird der Film am 26. Juli noch einmal ausgestrahlt - SZ.de veröffentlicht die Kritik dazu erneut.

Furchtbar lustige Tatort-Episoden sind zuletzt ein äußerst inflationäres Subgenre gewesen. Vor allem in den ersten Erfolgsjahren der Kommissare aus Münster versuchten sich auch andere Ermittlerpaare immer mal an ein paar quotenpolierenden Witzen. Dagegen spricht grundsätzlich nichts, blöd ist es halt - in Münster und anderswo - wenn es nicht gelingt, einen Gag aus einer Situation heraus zu entwickeln. In Münster, dem selbsterklärten Humor-Zentrum des deutschen Krimifernsehens, werden die Situationen immer um den Witz herum entwickelt.

Dabei kann es so unangestrengt aussehen, wenn zwei Tatort-Kommissare sich durch die Ermittlung spaßen. Zum dritten Mal sind Nora Tschirner und Christian Ulmen in Weimar im Dienst, das Baby des Polizistenpaares Dorn und Lessing kann sich mittlerweile auf allen vieren halten, neben der Suche nach einem Mörder muss noch der ein oder andere Aspekt der näheren Paar-Zukunft geklärt werden - und mit den Klischees einer klassischen Tatort-Ermittlung weiß man in Weimar virtuos zu spielen. Ein Beispiel: In anderen Krimi-Städten zeichnet das Drehbuch Charakterschwächen von Figuren mit schlecht gespitztem Bleistift, da wird gekeift und gezetert. In Weimar wird der neue Kriminaltechniker so dialogsparend wie simpel vorgestellt: "Eine Arschkrampe, wie sie im Buche steht."

Das Drehbuch zu "Der treue Roy" (Regie: Gregor Schnitzler) haben wieder Murmel Clausen und Andreas Pflüger geschrieben, diesmal geht es um einen Toten im Stahlwerk. Roy (Florian Lukas) wurde offenbar in die glühende Schlacke geschubst - oder ist er hineingesprungen? Roys Schwester Siegrid, zu der er ein schräges und schuldbeladenes Verhältnis pflegte, wird von Fritzi Haberlandt gespielt, die so irre dreinschauen kann wie nur sehr wenige im deutschen Fernsehen. Hübsche Szene auch, als Dorn und Lessing ihr die Todesnachricht vom Bruder überbringen. Lessing, in schönster Trostprosa: "Was man tief in seinem Herzen trägt, kann man durch den Tod nicht verlieren." Kein Witz, Situationskomik.

Gegen Ende wird es einen Tick zu dramatisch, da gerät die Story etwas aus dem Takt. Das Humor-Zentrum liegt trotzdem deutlich östlich von Münster.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

© SZ vom 23.04.2016

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