"Tatort"-Kolumne Weltkonflikt auf Stammtischniveau

Anmaßend, wenn ein Weltkonflikt ins Sonntagabend-Unterhaltungsformat gepresst wird: Kommissar Falke und seine neue Kollegin.

(Foto: NDR/Marion von der Mehden)

Mit IS-Gefahr, Terrorismus und einer traumatisierten Kollegin verhebt sich "Zorn Gottes" an der überlebensgroßen Geschichte.

TV-Kritik von Holger Gertz

Okay, wenn man es richtig versteht, ist es am Flughafen Hannover möglich, ein Tunnelsystem anzulegen, in dem Schleuser ihren Kontaktpersonen und Kunden begegnen. Es gibt auch, neben der VIP-Zufahrt, einen toten Winkel, in dem sowieso alles Weitere unbemerkt bleibt. Tja, und auf diese Weise kann sich also eine Leiche vom Flughafen in die Luft erheben und kurz darauf zur Erde zurückkehren beziehungsweise in den Pool eines sekttrinkenden, neureichen Paares stürzen, dem man im wahren Leben auch nicht begegnen möchte.

"Zorn Gottes" von Özgür Yildirim (Buch: Florian Oeller) ist der siebte Fall mit Wotan Wilke Möhring als Bundespolizist Thorsten Falke, und schon in den ersten Sequenzen verdichtet sich der Eindruck, dass auch hier wieder eine überlebensgroße Geschichte erzählt werden soll. Falke hatte es schon mit Drohnen-Kriegern zu tun, mit Passfälschern und Warlords verschiedener Härtegrade. Alle Verhängnisse der Welt werden vor norddeutscher Kulisse dargeboten: der innere Dialog zwischen Scharfschützen und Schafherden. Aber das Konzept funktioniert auch in dieser Episode nicht, weil der Fall so abenteuerlich konstruiert ist, dass das Panorama, in dem er spielt, komplett an Bedeutung verliert.

Ein IS-Heimkehrer wird möglicherweise bald zur Bombe greifen, weshalb Falke, der soeben noch die Flughafen-Security getestet hat, auf einmal mittendrin ist in den Ermittlungen und sich dabei auf die Hilfe seiner neuen Kollegin Julia Grosz (Franziska Weisz) verlassen kann, die zwar nicht viel sagt und ihm zunächst auch einen derben Schlag verpasst. Allerdings stellt sich heraus, dass sie -larger than life - als Ausbilderin in Afghanistan war, dort traumatisiert wurde und jetzt ihrerseits das Weltgeschehen mit dem Leben in der Provinz amalgamieren soll.

Sehr viele Menschen werden umgelegt, das große Thema Terrorismus wird in Erklärdialogen und auf Stammtischniveau aufbereitet. Jaja, damals, als Saddam noch einer von den Guten war, obwohl er Giftgas eingesetzt hat. Es wirkt immer anmaßend, wenn versucht wird, einen komplexen Weltkonflikt ins Sonntagabend-Unterhaltungsformat zu pressen. In Stuttgart hat das vor ein paar Wochen auch schon nicht geklappt, aber da war die Auflösung nicht derart öffentlich-rechtlich entschärft wie in diesem Fall.

Thorsten Falke wird von seinem Sohn versetzt, der übrigens Torben heißt. Die neue Kollegin nimmt Afghanistan-Fotos von der Wand. Wispernde Musik, Falke trinkt Vollmilch. Am Ende ist die Sequenz, in der die beiden sich etwas näherkommen, zwar pathetisch, aber auch berührender als der Rest des Tatorts, was für den Rest des Tatorts nicht spricht.

Sonntag, ARD, 20.15 Uhr.

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