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Tatort-Kolumne:Aus der Körpermitte, aus dem Schlachthaus

Saisoneröffnung für den Tatort mit Kommissarin Lena Odenthal. Es wird ungewohnt langhaarig im Schlachthaus ermittelt, und das Böse ist so böse, dass es quietscht. Assistent Kopper darf Rumba tanzen. Subtiler wird es leider wirklich nicht.

Holger Gertz

In der allerersten Einstellung tritt ein Schwein auf, noch ist es lebendig, schon bald wird es paniert sein. Dem Publikum eine Episode zum Thema Massenschlachtung gleich nach den Feiertagen in die Magenkuhle zu schieben, spricht für eine waghalsige Programmierung, allerdings sind die Bilder der Fleischlappen behutsam dosiert, und den Blutgeruch, von dem öfter die Rede ist, nimmt draußen unter der nadelnden Tanne ja niemand wahr.

ARD zeigt am Neujahrstag den Tatort 'Toedliche Haeppchen'

Schauspielerin Ulrike Folkerts als Lena Odenthal sucht "Tödliche Häppchen".

(Foto: dapd)

Eine Schlachthofangestellte liegt tot unter einer Brücke. In ihrer Wohnung hängt eine Kollektion sämtlicher Poster, mit denen Menschen, die ihr Leben nicht allein dem Baumschutz widmen, ihre WG-Wände tapezieren. Animal Rights, Geschwister Scholl, Bärbel Bohley. Welcher Typ Mensch hier zu Tode gekommen ist, könnte plakativer nicht ausgestellt werden.

"Fällt dir was auf", fragt aber Kommissarin Odenthal (ungewohnt langhaarig) zur Sicherheit ihren Assistenten Kopper (gewohnt schmierhaarig). Der sagt, was nicht gesagt werden müsste, wenn Regisseur Josh Broecker dem Verstand des Publikums vertrauen würde: "Sieht nicht aus wie das Zimmer einer Schlachthofangestellten."

In großen Tatort-Momenten beschreibt ein einziger Blick das gesamte Verhängnis, vor kurzem bei Borowski war es der eiswürfelartige Blick der Tierärztin. In dieser Episode tritt auch ein Tierarzt auf, aber der redet zu viel. Alle reden zu viel, die Kollegen von der Spurensicherung ("Fahr scho' mal zur nägschde Kaffeebud'") immerhin im Dialekt, Frau Odenthal fasst ständig den Ermittlungsstand zusammen, die Bösen sind so aufdringlich böse, dass es quietscht. Der Schlachthof ist so wenig steril, wie dieser Tatort subtil ist.

Immerhin gibt es ein paar schöne Szenen für Menschen, die es lieben, Tanzbären beim Tanzen zuzusehen: Kopper wird in die Rumba eingeführt, von einer Lehrerin, die den Ludwigshafener Schlachthof mit dem lateinamerikanischen Paartanz in Beziehung setzt, also Ende und Anfang des Lebens: "Wichtig ist, dass alles aus der Körpermitte kommt."

Kurz darauf haucht sie allerdings, Rumba bedeute so viel wie "Nächtliches Fest", was auf diesen Tatort auch dann nicht zutrifft, wenn man sich die Wiederholung auf Einsfestival kurz vor Mitternacht ansieht.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

© SZ vom 31.12.2011/gr
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