Süddeutsche Zeitung

Tatort Köln: "Ohnmacht":Kein Platz für Currywurst

In diesem "Tatort" dürfen Ballauf und Schenk keinen Zwischenstopp an der Wurstbraterei einlegen, stattdessen haben die Ermittler mit herannahenden U-Bahnen zu kämpfen. Berührend wird die Episode nur, als sie sich einer gefühlskalten Verdächtigen widmen.

Während im Hintergrund der Kölner Dom verschwörerisch lächelt, leuchtet vorn die Wurstbraterei. Die Wurstbraterei war lange ein Ort des Schreckens in den Kölner Tatorten, an den Stehtischen standen die Ermittler und dachten in aus schwerem Holz zusammengezimmerten Dialogen über das Leben nach. In den beiden vergangenen Episoden wurde den Kölnern erfreulicherweise eine neue Härte verpasst, die Wurstbraterei verschwand, diesmal ist sie wieder da. Allerdings: "Currywurst is aus", sagt Freddy Schenk. Die Welt ist also nach wie vor nicht in Ordnung, nicht mal in Köln.

Gleich danach wird in der U-Bahn-Station ein junger Mann von anderen geprügelt und getreten, Ballauf will dazwischengehen und wird aufs Gleis gestoßen, beinahe überrollt ihn die Linie 5, Richtung Butzweilerhof. Der zur Betroffenheit neigende Kommissar ist diesmal tatsächlich betroffen - aber wenn Ballauf brüllt, wirkt er auch immer schnell lächerlich. Übrigens auch mit Blick auf dieses Internet, in dessen Geheimnisse - noch immer ist ja jeder Computer ein einziges Geheimnis für deutsche Ermittler - die beiden Kommissare von einer neuen Kollegin eingeführt werden, die offenbar nur und immer vorm Schirm sitzt. "Löschen sollte man den ganzen Dreck", brüllt Ballauf.

Mal wieder verfluchen die Kommissare die Speichermedien, mal wieder profitieren sie auch sehr von ihnen. In der Episode von Thomas Jauch findet man einiges, was in anderen Tatorten schon verhandelt wurde. Jugendgewalt im Personennahverkehr war zuletzt Thema im sehr starken Berliner Film "Gegen den Kopf"; und eine Computerfachfrau bringt ja auch bei Borowski immer etwas Licht ins undurchschaubare Netz.

Berührend und besonders wird dieser sonst eher durchschnittliche Tatort dann, wenn aus dem Leben einer jungen Verdächtigen erzählt wird. Ein prinzessinartiges Wesen mit bösem Kern. Eine Lügnerin, an deren Kälte schon ihre Familie erfroren ist; späte Eltern, die sich nichts so gewünscht haben wie ein Kind. Corinna Kirchhoff und Felix von Manteuffel sind sehenswert als dieses Elternpaar. Sie polstert das Leben der Tochter mit Liebe und noch mehr Liebe aus. Er sitzt im Imbiss und kippt Schnaps und noch mehr Schnaps. Die Geschichte dieser Familie erklärt den Titel der Episode, und eine Episode, die "Ohnmacht" heißt, kann nicht an einer Wurstbude enden.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

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Quelle:
SZ vom 10.05.2014/nema
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