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"Tatort" Köln:"Leg' doch mal diesen gütigen Opa ab!"

Tatort Köln, "Durchgedreht"

Melden sich zurück im Dienst: die Kölner Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt, links) und Schenk (Dietmar Bär).

(Foto: WDR/Martin Valentin Menke)

Die Kölner Kommissare sind mit Doppelmord und hoher Kalauerdichte zurück. Gott sei Dank ist der Zuschauer nach der Sommerpause milde gestimmt. Oder hat ihm schlicht die Sonne das Hirn verbrannt?

Darum geht es:

Um Missgunst. Das madige Gefühl, im Leben zu kurz gekommen zu sein, zieht sich durch diesen Tatort wie die Kalauer der Kölner Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk. In einer Reihenhaussiedlung werden Freya Rödiger und ihr kleiner Sohn gefunden: Doppelmord. Tochter Anna hat den Täter gesehen und ist traumatisiert - für den psychologischen Laien klar erkennbar an den selbstgemalten Bildern mit einem schwarzen Mann. Die Ermittler haben es mit einem klassischen Motivlagendilemma zu tun: Familie oder Job? Die Tote war unglücklich in ihrer Ehe, Fotos zeigen sie verdächtig gut gelaunt mit ihrem Schwager. Auch mit ihrer Schwester lag Freya im Clinch, es gab Streit ums Familienerbe. Und als lebte es sich in dieser Gemengelage noch nicht gefährlich genug, arbeitet der Mann des Mordopfers, Sven Habdank, als Steuerfahnder.

Da ist nach der Sommerpause kompromissloses Ermitteln gefragt, findet Kommissar Ballauf und macht dem mitfühlenden Kollegen Schenk eine Ansage: "Jetzt leg' doch mal diesen gütigen Opa ab!"

Hier lesen Sie die Rezension von SZ-Tatort-Kritikerin Katharina Riehl:

Tatort Kölner "Tatort" - rein sozialpädagogisch ein Fest
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Kölner "Tatort" - rein sozialpädagogisch ein Fest

Von den Kölner Kommissaren kann man immer was fürs Leben mitnehmen. Aber wie soll Junggeselle Ballauf denn den Wert von Familie verhandeln, wo er gar nicht weiß, was Liebe ist?   TV-Kritik von Katharina Riehl

Bezeichnender Dialog:

Die Ermittler sitzen im Wohnzimmer des Ehepaars Schwalb, Hilde Schwalb ist die Schwester des Mordopfers. Hier lebt die Anna seit dem Mord an ihrer Mutter. Kommissar Schenk hat bereits in Erfahrung gebracht, dass Hilde Schwalb als Musiklehrerin arbeitet ("Zur Konzertpianistin hat's nicht gereicht"), jetzt wird ihr Mann knallhart befragt.

Schenk: Was machen Sie beruflich?

Gunnar Schwalb: Rennfahrer.

Schenk guckt erstaunt.

Gunnar Schwalb: Elefantenrennen.

Schenk: Ach, Fernfahrer! Zehn Minuten linke Spur und schon gleichauf.

Die besten Zuschauerkommentare:

Top:

Nach Wochen des Tatort-Entzugs kann der Zuschauer zwar immer noch keinen Unterschied ausmachen zwischen den Wortwechseln der Kölner Kommissare und den Dialogen im Blaulicht-Report, einem Scripted-Reality-Format im Vormittagsprogramm bei RTL. Aber die eigene Einstellung dazu hat sich geändert, es wirkt die Post-Sommerloch-Milde. Vielleicht hat einem auch einfach das bisschen Sonne das Hirn verbrannt. In jedem Fall rührt sich keine Zuckung in Richtung Phrasenschwein, wenn Ballauf feststellt: "In der Familie, da stimmt doch irgendwas nicht!" Und man windet sich auch nicht innerlich, wenn er wenig später bei der Vernehmung von Sven Habdank fragt: "Und außer ein paar Bier - haben Sie sich da vielleicht noch 'n Mädchen gegönnt?" Nein, man hängt selig lächelnd im Sessel und freut sich, dass wieder Tatort ist - die aktuelle Episode heißt im Übrigen "Durchgedreht".

Flop:

Siehe oben. Die Halbwertszeit der eigenen Milde ist in etwa so lang wie die Erholungswirkung nach jedem Urlaub.

Beste Szene:

Wie bringt man den Puls des Zuschauers nach der Sommerpause von null auf 130? Man nehme ein süßes Mädchen im weißen Nachthemd, das nachts noch mal eben ihrem Häschen Möhrchen geben will. Dazu leise Klaviermusik, plötzlich ein Rumpeln. Das Mädchen huscht geschwind die Kellertreppe hoch - und dann, oh Schreck, hinter dem Milchglas der Wohnzimmertür ein schwarzer Schatten mit Kapuze. Fertig.

Bester Auftritt:

Die Krimi-Welt ist längst nicht mehr schwarz-weiß: Der Durchschnittsbösewicht trägt eine schlimme Geschichte und mindestens einen Funken Menschlichkeit mit sich rum und viele Kommissare pflegen ihre dunklen Seiten liebevoll wie andere ihr Haustier. In diesem dramaturgischen Mausgrau lobt man sich ein Ekel wie den Journalisten Winthir (Peter Benedict). Der besitzt einen Porsche und jede Menge spiegelnde Oberflächen in seiner Designer-Wohnung. Skrupel hat er weder beim Hinterziehen von Steuern ("Bürgerpflicht? Ich nenn' das Piraterie"), noch beim Verkauf sensibler Daten, an dem er sich bereichert. Winthir gerät ins Visier, weil der Mann des Mordopfers gegen ihn ermittelte. Am Ende ist nicht nur Kommissar Schenk ein bisschen traurig, dass er ihn von der Pinnwand der Verdächtigen abnadeln muss.

Die Erkenntnis:

Hätte, hätte, Fahrradkette. Wer immer nur danach guckt, was er nicht mehr hat oder noch nie hatte, dreht irgendwann am Rad. Oder, um im Sprachbild dieses Tatorts zu bleiben: Er dreht durch.

Schlusspointe:

Der Mörder von Freya und ihrem Sohn begeht eine letzte Verzweiflungstat: Er entführt die kleine Anna in seinem Auto, rast über Landstraßen, "Bitte, fahr' langsamer", sagt das Mädchen immer wieder. Der Zuschauer ahnt: Das Ganze wird in einem finalen Crash enden, mit Feuer und allem drum und dran. Aber was ist mit der kleinen Anna? Die wird nach einem Schreckmoment auf der Straße stehen, unversehrt, und von Kommissar Schenk in seine Bärenarme geschlossen werden. Und dann wird man wieder wissen, warum es bessere Tatorte gibt als die aus Köln.

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