Tatort Köln: "Der Fall Reinhardt" Tragödie ohne Wurst und Trost

Szenenbild aus dem Kölner Tatort "Der Fall Reinhardt":

(Foto: WDR/Uwe Stratmann)

Der neue Kölner "Tatort" lässt keinen Platz für Plattitüden: "Der Fall Reinhardt" ist eine sehenswerte Geschichte über Angst und Schmerzen - und eine ausgebrannte Familie.

Von Holger Gertz

Früher strandeten die Fälle aus Köln zu oft an der Imbissbude. Ein Schluck dünnes Bier, ein dünner Witz, noch ein Stück Wurst. Und dann satt und sanft entschlafen. Spätestens seit der Folge "Franziska" ist Ballauf und Schenk eine neue Härte verpasst worden, die sogar auf Sprache und Physiognomie durchzuschlagen scheint. Ballauf hat sich von seiner Domian-artigen Gefühlsrhetorik verabschiedet. Der plüschbärenhaft gebaute Schenk wirkt irgendwie kantiger; scharfe Konturen vor grauschwarzem Panorama.

"Der Fall Reinhardt" von Regisseur Torsten C. Fischer und Autorin Dagmar Gabler lässt keinen Platz für Plattitüden der Preisklasse Köln-Sülz. Niemand lacht. Kein Spusi-Mensch killt die Stimmung mit im Dialekt vorgetragenen Überlegungen, wo denn die Tatwaffe sei. Die Wohnung der Familie Reinhardt ist ausgebrannt, drei Kinder sind tot. Man sieht die verkohlten Hände, wie gefrorene Schatten hängen sie über der Wohnlandschaft aus Ruß und Rauch.

Brüchige Form von Gewissheit

"In Flammen stehen" ist nicht nur so eine Formulierung. In Flammen steht die Familie Reinhardt. Vater Reinhardt - gespielt von Ben Becker - bleibt erstmal verschwunden. Mutter Reinhardt steht am Rheinufer, sie hat eine Rauchvergiftung, sie kommuniziert hustend. Sie ist zwar da, aber sie ist auch verschwunden. Gedächtnisverlust. Die Erinnerung an das, was passiert ist, ist weg. Die Vorstellung, warum es passiert sein könnte, verdichtet sich nur langsam, zu einer brüchigen Form von Gewissheit.

Wer seine Geschichte nicht kennt, wem Tage, Wochen, Jahre fehlen, der ist abgeschnitten von der eigenen Identität. Susanne Wolff spielt diese verlorene Karen Reinhardt, sie ist die stille Sensation in diesem Tatort. Nicht nur hilflos, sondern auch zornig; entkernt und kraftvoll zugleich; lakonisch und traurig. Und immer hustend, hustend. "Keine Haustür mehr, aber die Klingel funktioniert noch", sagt sie und besieht sich das Trümmerfeld ihrer Wohnung. In ihrem Blick: viel Ratlosigkeit. Aber immer auch eine Ahnung davon, dass die Erinnerung irgendwann zurückkommen wird. Und dass die Wahrheit erst dann erzählt werden kann. Wenn es sie gibt.

Viele Dialoge in diesem Tatort, Gesichterstudien, ein Kammerspiel unter scheinbar freiem Himmel. Sogar Ben Becker passt mit seiner todesvogelartigen Lässigkeit gut in eine sehenswerte Geschichte über Angst und Schmerzen; eine Tragödie ohne Wurst und Trost.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

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