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"Tatort" aus Kiel:Der Advents-Einsatz, der zu viel wollte

Tatort: Borowski und das Haus am Meer

Wirkt immer wie ein eher zufällig in den Dreh gelaufener Anwohner: Axel Milberg als Borowski im Tatort.

(Foto: dpa)
  • Im neuen Tatort aus Kiel geht es um die finstere NS-Täterbiografie einer Familie, um Misshandlung von Schutzbefohlenen und Flucht in übertriebenen Glauben.
  • Kurz: Es geht um mehr, als ein Advents-Tatort verträgt.
  • "Borowski und das Haus am Meer" läuft am Sonntagabend um 20.15 Uhr im Ersten.

Wir unterbrechen den aktuellen Advent für eine kurze Dunkelheit. Durch einen Küstenwald bei Kiel hastet ein Hund, im Widerschein des Mondes sieht er aus wie Airbrush-Pop-Art, wie ein weiß leuchtender Wolf. Es hastet ebenfalls durch dieses Waldstück ein Junge, er heißt Simon und läuft den Kommissaren Borowski (Axel Milberg) und Sahin (Almila Bagriacik) vors Auto. Simon erzählt von dem Hund: "Der Indianer hat ihn ja tot gemacht ... er ist mit dem Schiff gekommen."

Dass ein Indianer mit dem Schiff aus Dänemark nach Kiel kommt, fällt nicht in die Kategorie jener Wanderungsbewegungen, die das Land zuletzt bewegten. Und leider ist es zudem so, dass das Schiff in diesem Tatort von Niki Stein (Buch und Regie) nicht nur sehr eigene Fracht führt, sondern davon auch zu viel. Mit diesem Schiff nämlich kommt außerdem die finstere NS-Täterbiografie in der Familie Flemming zurück, und mit ihr die fehlgeschlagenen Versuche von Kindern und Kindeskindern, dieser Biografie zu entkommen, sei es durch Reformpädagogik, Misshandlung von Schutzbefohlenen oder Flucht in übertriebenen Glauben. Ein solches Geflecht mag relevante nachkriegsdeutsche Realität abbilden, für einen Sonntagabendfilm ist es in seiner Gänze zu wirr. Das ist schade, weil "Borowski und das Haus am Meer" kraftvolle Figuren und Themen in sich trägt.

Da gibt es, beispielsweise, Johann Flemming (Martin Lindow), der sich der Polizei vorstellt wie eine sprechende Visitenkarte, "Guten Abend, ich bin Pfarrer Flemming". Von seiner Kanzel spricht Flemming von Hiob - "nur mein eigen Fleisch macht mir Schmerzen und nur um meiner selbst trauert meine Seele."

So fühlt und spricht der Pfarrer, von Gram gebeugt, und dem anderen Personal geht es nicht viel besser. Fast jede und jeder bleibt allein in seinem Unglück, auch deswegen findet der Film nicht zu einer wirklichen Spannungskurve. Kommissar Borowski selbst ist da leider keine große Hilfe mehr. Er wirkt auch sonst wie ein eher zufällig in den Dreh gelaufener Anwohner, der den eigenen Fall eher staunend beobachtet, statt ihn zu lösen. Oft trägt diese Art, dieses Mal eher nicht. Und wenn der Adventseinsatz doch mindestens etwas Gutes hat, dann dass er eine kaputte Familie so kalt ausleuchtet, dass man sogleich den Entschluss fasst, bei allem gelegentlichen Dissens die eigenen Leute dieses Jahr zu Weihnachten ein bisschen fester in den Arm zu nehmen.

Das Erste, Sonntag, 20.15 Uhr.