"Tatort" Man kennt sich nicht mehr

Man war zwölf, Pink Floyd brachten "Wish You Were Here" heraus, ein kaum bekannter Mensch namens Helmut Kohl wurde als Kanzlerkandidat gehandelt, Borussia Mönchengladbach - wer auch sonst - dominierte die Bundesliga, und das Brot kostete zwei Mark. Der Fernsehkommissar hieß Heinz Haferkamp und mochte Frikadellen, die trotzdem Fleischpflanzerl heißen. Die Tatort-Einschaltquote lag bei 46 Prozent. Seither sind fast 43 Jahre vergangen. Oder etwa eintausend Tatort-Folgen. Ein halbes Leben, mindestens.

Tatort "1000 Folgen 'Tatort'? Du spinnst wohl!"
"Tatort"-Erfinder Gunther Witte

"1000 Folgen 'Tatort'? Du spinnst wohl!"

Er selbst hätte wohl am wenigsten damit gerechnet: "Tatort"-Erfinder Gunther Witte über die Anfänge der Krimisendung, Experimente und die Jubiläumsfolge.   Interview von Eva Fritsch

So zieht dieses Leben an einem vorbei. Beginnend mit Trimmel und der Folge "Taxi nach Leipzig" (Folge 1, 1970), die man sich später auf DVD besorgt hat. Für die Jungen: Eine DVD ist - ach, auch egal. Es folgten Marek, Kressin, Haferkamp, dann die Revolution, also Schimanski, Stoever, und, hurra, eine Frau: Wiegand (Folge 124, 1981), dann die sensationellen Batic und Leitmayr, Bienzle ...

Bienzle? Muss man sich ernsthaft nach Bienzle und seinem Trollinger zurücksehnen? Ja. Sieht so der Wahnsinn aus, der im Alter lauert? Als Ergebnis zu vieler Tatort-Nächte? Wird man blöd davon und vermisst nun den Kopper? Oder man schwört sich, nur noch Borowski zu gucken. Freut sich auf die Witzeleien des Boerne, liebt Fellner, fragt sich, was aus Ritter geworden ist, begeistert sich für alte Marek-Wiederholungen - und will endlich wissen, wer zur Hölle in Dresden ermittelt.

Ach ja, Sieland, Gorniak und Dings, Schnabel. Wenn man dann auch noch liest, dass sie schon ihren fünften Fall hatten, dann hat man wohl etwas verpasst. Und genau das ist das eigentliche Problem: Man kennt sich nicht mehr. Der Tatort ist eine Art Personalbeschleuniger geworden, der Amok läuft. Eine Soap, deren rotierendes Zubehör man nicht mehr überblickt. Kaum hat man sich beispielsweise an Stellbrink in Saarbrücken gewöhnt, Devid Striesow, hört der auch schon wieder auf. Und kaum denkt man, Dorn und Lessing sind eigentlich doch ganz, hm, irre, in Weimar, liest man: Ihr Weihnachts-Tatort hat laut ARD-Medienforschung die schlechteste Quote seit siebeneinhalb Jahren erzielt. Überhaupt war das Jahr 2017 für die Krimi-reihe eher eine Enttäuschung. Der Quotendurchschnitt 2017 war der schlechteste der vergangenen sechs Jahre.

Warum? Weil: Rubin und Karow. Berg und Tobler. Falke und Grosz. Janneke und Brix. Und in Franken ermitteln Voss, Ringelhahn, Goldwasser, Fleischer und Schatz. Wer? Richtig. Kann es sein, dass man der letzte Mensch auf Erden ist, dem noch keine Rolle als Tatort-Kommissar angeboten wurde? Man würde dann gern in Deggendorf, der Perle Niederbayerns, ermitteln. Längst überfällig als Tatort-Ort. Man brächte eine total abgründige Ermittler-Vita ins zuständige Kommissariat mit. Scheppernd scheiternde Experimente lieben die Tatort-Macher.

Man kann übrigens alle Bücher mit Kommissar Maigret - und immer nur: Maigret - hintereinander weglesen, ohne sich je zu langweilen. Georges Simenon verrät von Jules Maigret in 75 Romanen und 28 Erzählungen eigentlich nur, dass er Sauerkraut mag, dass seine Frau ihn immer schon hört, bevor er die Wohnung am Boulevard Richard-Lenoir aufschließt, und dass er wunderbare Sachen an wunderbaren Bars im wunderbaren Paris trinkt, während er die Abgründe der Menschheit überblickt und bald eine Erkältung bekommt. Man weiß also eigentlich nichts von ihm, erfährt aber viel über das Leben. Beim Tatort ist es seit Jahren umgekehrt: Man erfährt alles über die Kommissare, weshalb sie auch ständig neu erfunden werden müssen, und wenig über sonst was.

Es gibt die Sexsucht, die Sucht nach Schnupfensprays und Leute, die verrückt sind nach kanadischen Innenvierkantschrauben aus der Weltkriegszeit. Jetzt ist es raus: Ich war süchtig nach dem Tatort. Aber das ist vorbei. Sonntags wird man nun viel lesen. Alle Maigrets. Oder frühe Tatort-Drehbücher. Oder man wird einfach darauf warten, dass der Sonntag vorbei ist. Irgendeiner wartet immer.

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