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Wunsch-"Tatort" aus Hamburg:Wollmützen im Wind

Tatort: Mord auf Langeoog; Tatort

NDR-Tatort "Mord auf Langeoog": Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) als Ermittler auf der Insel.

(Foto: NDR/Boris Laewen)

Der Wunsch-"Tatort" am Sonntag zelebriert einen frühen Fall von Wotan Wilke Möhring: Es geht um eine Tote, einen verstörten Jungen und kauzige Nordmenschen. Trotz guter Kulisse fehlt der Story der Schwung. Die Kritik von damals.

Von Holger Gertz

Dieser Text ist am 23. November 2013 in der Süddeutschen Zeitung erschienen. Aufgrund der Wahl des Films zum Wunsch-"Tatort" wird "Mord auf Langeoog" am 23. August 2020 noch einmal ausgestrahlt - hier ist die Kritik von damals.

Die Atmosphäre auf einer Insel ist hilfreich beim Entwickeln der Stimmung in einem Fernsehkrimi. Der Kommissar kann gedankenverloren in den Dünen herumstehen, er kann dabei eine Wollmütze tragen. Außerdem: Spuren verlieren sich im Sand. Verdächtige versinken im Wasser.

Einer der Klassiker der Tatort-Reihe ist nah am Meer entstanden, "Strandgut" von 1972, Regie: Wolfgang Petersen. Klaus Schwarzkopf spielte den Kommissar Finke, er hätte eine Wollmütze gebrauchen können, aber er kämmte sein Resthaar über den Schädel und lehnte sich gegen den Wind, den Wind von Sylt übrigens. Dieter Kirchlechner war auch dabei, Rolf Zacher, Wolfgang Kieling und zahlreiche Möwen. "Strandgut" ist eine große Episode, unbedingt empfehlenswert.

Der Finke der Gegenwart heißt Falke, und Sylt ist jetzt Langeoog. Dort ist eine Tote gefunden worden, ein verstörter Junge kann oder will nicht sagen, was eigentlich passiert ist, und obwohl Kommissar Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) frei hat, macht er sich an die Arbeit, gemeinsam mit der herbeigerufenen Kollegin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller).

Es ist die zweite Folge des Teams vom NDR, das Binnenklima der Kommissare bekommt weitere Konturen - außerdem ist Nina Kunzendorf wieder dabei, sie ist nicht länger das Proletenschätzchen Conny Mey aus Frankfurt, sondern das komplette Gegenteil, eine kühle Ermittlerin aus Aurich mit Eulenbrille, die Sätze sagt wie diesen hier: "Ich glaube, Sie haben Ihren Standpunkt klargemacht."

Bei den inflationär vielen neuen Ermittlern müssen die Autoren ja immer Platz frei halten für die Figurenentwicklung, das geht auf Kosten der Story. Und auch in "Mord auf Langeoog" von Stefan Kornatz und Max Eipp bleiben die Personen, die nicht in die Ermittlungsarbeit eingebunden sind, ziemlich blass. Oder sie entsprechen dem ganz plattgerittenen Klischee des Nordmenschen. Sind kauzig, haben komische Haare oder reden so, wie der Norddeutsche halt redet. Ein Kapitän darf nicht länger Kapitän sein, weil er "'n Schiff auf die Seite gelegt hat".

Die Gefahr bei jedem Inselkrimi besteht darin, dass das gebremste Lebenstempo auf der Insel der gesamten Geschichte ihren erzählerischen Schwung nimmt. Und obwohl in diesem Tatort so viele tolle Leute mit zum Teil großartigen Wollmützen mitspielen, ist das Ganze - wie man im Norden sagt - auf Dauer dann doch 'n büschen langweilig.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

© SZ vom 23.11.2013/kjan

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