Tatort Hannover "Das goldene Band" Oberschicht gleich Unterwelt

Während letzte Woche bereits Mädchen im Müll gefunden wurden, bestätigt der zweite Teil der "Tatort"-Doppelfolge, dass Hannovers Elite näher an Hannovers Abgrund dran ist, als den meisten bewusst ist. Das ist angemessen kühl inszeniert - und das Thema trägt die Länge.

Von Holger Gertz

Im ersten Teil ("Wegwerfmädchen") dieser Doppelfolge hat Kommissarin Lindholm vor einer Woche eine Ahnung davon bekommen, dass Hannovers Oberschicht identisch ist mit Hannovers Unterwelt. Im zweiten Teil ("Das goldene Band") verdichtet sich dieser Eindruck zur belastbaren Erkenntnis, und auch die Liebesgeschichte der Ermittlerin mit einem Journalisten ist nicht nur - wie anfangs zu befürchten war - zur Zierde da, sondern treibt die Handlung ein wenig weiter.

Dieser Krimi-Zweiklang vom NDR ist ein Experiment, natürlich werden Tatort-typische Inszenierungssünden begangen: Journalisten im Tatort sind immer mehrtagebärtig. Frauen diesseits der 20 sind großäugig und rennen viel barfuß rum.

Andererseits inszenieren Regisseurin Franziska Meletzki und Autor Stefan Dähnert diese schwierige Geschichte über Opfer, Täter und Hintermänner im Mädchenhandel angemessen kühl. Die Erzählung wird kaum mit Pathos zugekleistert, und die Menschen reden nicht allerlei blödes Zeug. Das Thema trägt die Länge, weil erst der verachtete Mensch in den Sucher genommen wird und dann das menschenverachtende System.

Und dann auch noch der Oberzyniker

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Emilia Schüle berührt sehr als junge Frau, die im Müll aufwacht. Der Tatort erzählt also ein weiteres, spannendes Kapitel aus der unendlichen Geschichte über die Hälften der Welt. Und wenn sogar Bild mal nicht die Tatort-Clowns aus Münster hochleben lässt, sondern in gekonnt gespielter Naivität nachfragt: "Gibt es Wegwerfmädchen?" - dann ist das nicht das allerschlechteste Zeichen.

Zeit zum Resümieren

Der Jahrgang 2012 - allmählich geht es ans Resümieren - war im Ganzen nicht so übel, wie es die Leserkommentare und die unfehlbaren Twitterer immer behaupten. Kotz, gähn - auf diese Formel lässt sich der Blick des Publikums ungefähr bringen. Das trifft (Betonung auf "gähn") zu, wenn über Episoden mit Lena Odenthal oder dem gut angezogenen Herrn aus Luzern gerichtet werden soll. Und natürlich war viel Leipziger Einerlei dabei.

Aber eben auch der Tatort Wien, mit einem gefrorenen Kopf im Kühlschrank. Der anarchistische Abschieds-Batu aus Hamburg. Lars Eidinger als stiller Gast bei Borowski. Der traurige König aus München, der traurige Faber aus Dortmund mit seinem Baseballschläger, die traurigen Mädchen jetzt aus Hannover. Einmal konnte man im Netz den Täter raten, da brachen die Server zusammen: bei Odenthal natürlich.

Kein ganz schlechtes Jahr. Und ein leiser Reißer kommt noch, ganz zum Schluss.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.