Süddeutsche Zeitung

"Tatort" aus Göttingen:Auf Krawall gebürstet

  • Der neue Tatort kommt an diesem Sonntag aus Göttingen.
  • Mit Florence Kasumba tritt erstmals eine afrodeutsche Ermittlerin auf.
  • Blöderweise ächzt die Folge unter der ausgestellten Rivalität mit Kommissarin Lindholm und dem plakativen Einsatz von Blut.

Folge 6/2019

Ermittlerinnen:Lindholm/Schmitz

Dieser Tatort appelliert an die Neugier der Zuschauer und noch mehr an ihre Empathie. Eine Schülerin namens Julija hat Bauchschmerzen, verkriecht sich in einer runtergewohnten Umkleide; das verzweifelte Mädchen schwitzt, weint, schreit, kotzt und hinterlässt den Kommissaren schließlich Spuren einer Geburt. Nabelschnur, Blut, Käseschmiere, einen Ring mit Teufelskopf gibt's obendrauf. Beim NDR-Tatort sind junge Frauen gelegentlich in schwerer Not, erinnert sei an die Episode "Wegwerfmädchen" von 2012. Diesmal allerdings zieht sich die Blutspur durch große Teile des Films. Blut funktioniert natürlich als Eyecatcher, aber immer hat man auch das Gefühl, dass es hier schon sehr kalkuliert ausgeschüttet wird.

Das ist das Kennzeichnende der Folge "Das verschwundene Kind": Regisseurin Franziska Buch erzählt mit ihren Autoren Jan Braren und Stefan Dähnert ein Abenteuer, in dem regelmäßig überdosiert wird. Erst zu viel Blut, dann zu viel Wut: Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) ist aus der Weltstadt Hannover zur Kripo nach Göttingen strafversetzt worden und arbeitet dort mit Anaïs Schmitz (Florence Kasumba) zusammen, der ersten afrodeutschen Ermittlerfigur, die in einem deutschen Hauptabendkrimi mehr sein darf als ein Sidekick.

Dass hier zwei selbstbewusste Ermittlerinnen miteinander in Berührung gebracht werden, ist schon mal ein schöner Fortschritt in der bräsigen deutschen Krimitradition. Aber dann werden untereinander auch Backpfeifen verteilt, und so ächzt der Film unter der Rivalität der beiden Frauen, die derart angestrengt auf Krawall gebürstet sind, dass es quietscht. Dabei ist der Fall an sich nicht unspannend, die Geschichte mit dem verlorenen Mädchen Julija (Lilly Barshy) ist relevant und traurig, leidet aber darunter, dass einige Nebenfiguren und Verdächtige weit Richtung Klischee rutschen. Auch hier hat der solide Tatort vom Guten - oder Schlechten - zu viel. Der religiös verstrahlte Vater redet religiös verstrahltes Zeug: "Julija ist wie eine Heilige in einer Welt voller Dreck." Beim Kickboxen reden alle so wie die kickboxenden Jungs von der Straße. Der schmierige Kleinkriminelle auf dem Schulhof hat eine schmierige Kleinkriminellenfrisur. Eine Haarprobe, immerhin, gibt sie her.

ARD, Sonntag 20.15 Uhr

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SZ vom 02.02.2019/phbo
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