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Tatort Bremen:This is not America

Junges, großäugiges Mädchen geht immer. Im Bremer Tatort hatte ein hoher Richter Sex mit so einem Mädchen, dann wird er erpresst, der Erpresser gekillt - und schließlich landet man bei einer riesigen Verschwörung. Alles ein bisschen wie bei CSI.

Von Holger Gertz

Bremer Tatort 'Puppenspieler'

Verschwörungskrimi mit Ungereimtheiten: Bremer Tatort mit Schauspieler Oliver Mommsen (r.) als Hauptkommissar Stedefreund, Sabine Postel, als Haupkommissarin Inga Lürsen und Christoph M. Orth (l.) als Richter Konrad Bauser

(Foto: dpa)

Das erste Bild in diesem Tatort zeigt gleich mal wieder ein sehr junges, sehr großäugiges Mädchen, das ist ein alter Trick der Verantwortlichen dieser Reihe. Junges, großäugiges Mädchen geht immer. Junges, großäugiges Mädchen ist der Eyecatcher aller Eyecatcher, spätestens seit Nastassja Kinski den Tatort "Reifezeugnis" damals zum Klassiker aller Klassiker gemacht hat. Zumal ja auch sofort irgendwie Sex im Spiel ist, sobald das Mädchen auf dem Bildschirm erscheint. Der Tatort ist immer auch Festtag und Hochamt der stereotypen Inszenierung.

Andererseits versuchen Regisseur Florian Baxmeyer und Autor Christian Jeltsch sehr Neuartiges, sie experimentieren. Sie testen mutig, wie es sich anfühlt, wenn Bremen nach Amerika verlegt wird. Schnell erzählt, knappe Dialoge, Splitscreen. Dräuende Musik wie aus den amerikanischen Serien, kombiniert mit hanseatischem Heimataroma. Werder-Wimpel im Büro, Demonstranten auf dem Marktplatz, sie rufen: "WE-SER-VER-TIIEFUNG: NICHT MIT UNS!" Man sieht Filmschnipsel im Design von Buten un Binnen, dem Regionalprogramm von Radio Bremen, man hört das Singen der Bremer Straßenbahn. Andererseits sind Profilkiller unterwegs, in einer Welt aus kalten Bildern und kühlem Klang. Schwenk über Bremen bei Nacht, darübergelegt The XX mit Angels.

In Bremen versammeln sich hochrangige Richter, und einer der allerhöchsten Richter hatte Sex mit dem großäugigen Mädchen vom Anfang, das ist alles aufgezeichnet worden. Jetzt wird der Richter erpresst, aber dann wird der Erpresser gekillt, und in den weiteren Ermittlungen stellt sich heraus, dass viele Institutionen in das Ganze verstrickt sind, Geheimdienste, Politiker. Die Fäden werden sehr weit oben gezogen, wie neulich beim Tatort in Hannover und zuletzt in Wien, wo auf den Auftritt eines großäugigen Mädchen verzichtet wurde.

Ein Verschwörungskrimi, der sich - wie jeder Verschwörungskrimi - nicht zum Nebenherschauen eignet; gerade für Bremer Tatort-Verhältnisse sehr ambitioniert. Es wird aber dann doch alles furchtbar kompliziert, Avatare werden ins Gespräch gebracht, die Verschwörung schraubt sich in enorme Höhen, aber die schwebende Handlung beißt sich mit schweren Dialogen in klassisch deutscher Krimitradition. Da will einer "den Kopf aus der Schlinge ziehen", da hat einer das Gefühl, er sei "nur noch Beifahrer im eigenen Leben".

Nein, Bremen ist nicht in Amerika.

ARD, Sonntag 20.15 Uhr.

© SZ vom 23.02.2013/lala
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