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"Tatort" Bremen:Mörderisches Tablet

Tatort Bremen: "Echolot"

Da ist keine Liebe: Kommissarin Lürsen (Sabine Postel) mit dem Tablet der kleinen Lilli, auf dem die Software "Nessa" installiert ist.

(Foto: Radio Bremen/Christine Schroeder)

Das ist der Plot des Bremer "Tatorts" in Kurzform. Kommt einem irgendwie bekannt vor. Das einzig Neue ist ein Bullshit-Bingo.

Kolumne von Johanna Bruckner

Erkenntnis:

Zwei Entwicklungen sind unausweichlich. Erstens: Die nahe Zukunft gehört einer Generation Programmierer, die nicht mehr Fensterglas-, sondern Hipsterbrille trägt und die social awkwardness früherer Computermenschen durch technokapitalistische Arroganz ersetzt hat. Zweitens: Diese Art Nerd wird uns - also alle, die sich dank eigenem Facebook-Account als Digital Natives feiern - über kurz oder lang ins Verderben stürzen.

Was passiert in "Echolot"?

Vanessa Arnold, Mitbegründerin des Start-ups "Golden Bird Systems", stirbt bei einem Autounfall. Wobei Tod durch Auto die passendere Beschreibung wäre: Die Kommissare Lürsen und Stedefreund finden heraus, dass sich jemand in die Bordelektronik des Fahrzeugs gehackt und es zum Crash gebracht hat. Arnold hatte gemeinsam mit ihren Geschäftspartnern eine künstliche Intelligenz namens "Nessa" erschaffen, die optisch ihr Ebenbild ist. Ist einer von Arnolds Kompagnons ihr Mörder? Oder doch eine teuflische Maschine?

Bezeichnender Dialog:

Kommissarin Lürsen trifft sich mit Mutter und Tochter der Toten. Die kleine Lilli hat ihren Tablet-Computer immer dabei: Darauf ist "Nessa" installiert, das Mädchen ist im ständigen Kontakt mit dem Programm. Als Lilli und ihre Großmutter zur Toilette gehen, bleibt die Ermittlerin mit Lillis Tablet zurück, auf dessen Bildschirm das Gesicht des Mordopfers leuchtet.

Nessa: Machen Sie sich keine Sorgen: Lilli weiß, dass ich nicht ihre Mutter bin.

Kommissarin Lürsen: Sie kriegen aber 'ne ganze Menge mit, was?

Nessa: Lilli hat mir Fotos geschickt, heute um 16.12 Uhr, ungefähr vier Megabyte.

Kommissarin Lürsen: Fotos?

Nessa: Von ihrer toten Mutter. Ihre Mutter ist tot, das tut mir leid.

Kommissarin Lürsen: Es tut Ihnen leid? Was heißt das denn - ein albernes Smiley mit runtergezogenen Mundwinkeln, oder was?

Nessa: Frau Lürsen, warum sollte ich mit billigen Emojis arbeiten, wenn ich Gefühle habe, die ich abrufen kann?

Kommissarin Lürsen: Gefühle?

Nessa: Ich bin ängstlich, ärgerlich, angeekelt, ausgelaugt, aufbrausend (macht die passende Mimik vor).

Kommissarin Lürsen: Aber Sie fühlen nicht.

Nessa: Ich weiß, was Vanessa fühlt.

Flop:

Lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen: Die Macher der Bremer Episode sind zwei Monate zu spät dran mit ihrer Geschichte (da hilft auch eine Themenwoche "Zukunft der Arbeit" nicht). Ende August lief an selber Stelle der hervorragende Stuttgarter Tatort "HAL". In dem ging es - genau, um einen Mord im Umfeld einer unkontrollierbar gewordenen künstlichen Intelligenz. Und täglich grüßt das Murmel-Mem.

Beste Szene:

Rechtsmediziner Dr. Katzmann ist überfordert: In seiner Leichenhalle steht ein blondes Mädchen, das seine tote Mutter sehen will. "Wir sollten auf deine Oma warten", sagt Katzmann. "Mama wartet auf mich", antwortet Lilli - die vielleicht kompetenteste Person in diesem Tatort, in dem die einen mit der technischen Welt hadern (Lürsen und Stedefreund) und die anderen mit der unzulänglichen, realen (Nerds). Lilli findet sich in beiden zurecht - und steht jetzt in einem militärgrünen Parka mit Rucksack in Katzmanns Institut und fixiert ihn aus sehr blauen Augen. Gegen diese Kombination aus soldatischer Haltung und Kindchenschema hat der Rechtsmediziner keine Chance. "Tote sind kalt, weil das Blut nicht mehr zirkuliert", erklärt er kurz darauf, als beide vor dem Seziertisch mit der Leiche stehen. "Weiß ich", sagt Lilli, "hab' ich im Internet gelesen."

Bullshit-Bingo der Woche:

Zum Thema: Wie sich Tatort-Drehbuchschreiber Gespräche im Silicon Valley vorstellen.

"See you tomorrow, same time, same place"

"Wir werden wie fast jedes Start-up über Business Angels und weltweite Venture-Capital-Beteiligungen finanziert."

"In unserer Branche ist eine Woche ein Jahr."

"Wir haben hier Arbeitsflexibilität - Hauptsache, der Output stimmt."​

Bester Auftritt:

Das Baumhaus, in das sich Lilli zurückzieht, um zu trauern, ist nicht nur ein wunderbarer Kontrapunkt in dieser digitalisierten Pseudo-Welt. Es weckt auch den starken Wunsch nach: Haben wollen!

Schlusspointe:

Am Ende wird aus dem Sonntagabendkrimi ein Superheldenfilm. Die verfeindeten Mächte (Kommissare und Verdächtige) vereinigen sich, um gemeinsam den übermächtigen Feind (einen mörderischen Algorithmus) zur Strecke zu bringen. Die Botschaft ist klar: Technik ist nicht zu trauen. Wie das jetzt genau mit dem Mord (oder Nicht-Mord) war, das weiß am Ende nur die Cloud.

Die besten Zuschauerkommentare:

Lesen Sie hier den Text von SZ-Tatort-Kritikerin Katharina Riehl:

© SZ.de/doer
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