Tatort Berlin "Gegen den Kopf" 1000 Augen

Dieser Tatort lässt kaum Zeit zum Luftholen. Temporeich wird erzählt, wie aus Geplänkel Gewalt wird. Zwei Jugendliche schlagen einen Passanten in der Berliner U-Bahn zusammen, der helfen wollte. Ein relevantes Thema, das an Fälle wie Dominik Brunner erinnert - und Eindruck hinterlässt.

Von Holger Gertz

In besseren Momenten merkt man dem Tatort inzwischen an, dass er stimuliert wird durch die Konkurrenz des anderen Sonntagabendkrimis, Polizeiruf 110. Der Polizeiruf ist längst der wahre Tatort: rabiatere Stoffe, schnell erzählt, in einem Tonfall, den man von der Straße kennt und nicht aus der Theater-AG. Dieser Tatort aus Berlin, "Gegen den Kopf", gehört zu den eindeutig besseren Episoden. Zwei Jugendliche drangsalieren in der U-Bahn einen alten Mann. Sie nehmen ihm seinen Krückstock weg, um sich daran zu reiben. "Erotik, mit meinem Stock, diese Ferkel", sagt der Mann später, als die Polizisten ihn befragen. Die Jugendlichen, sagt er, waren "blau, laut und mutig. Wie sacht man so schön? Keinen Arsch in der Hose, aber La Paloma pfeifen."

Geholfen hat ihm niemand, einige Koreanerinnen haben sich mit ihren Handys beschäftigt, ein paar Nachteulen haben aus dem U-Bahn-Fenster geschaut, ein einziger Mann nur ist dazwischengegangen. Wenig später, U-Bahnsteig Schönleinstraße, wird dieser einsame Helfer dann gefunden, mit zertrümmertem Schädel. Keine Spuren von Schuss-, Hieb-oder Stichwaffen, nur stumpfe Gewalt. Das Opfer trägt - letzte Spuren eines Überlebenskampfes - Profilabdrücke von Schuhsohlen auf der Haut.

Und dann auch noch der Oberzyniker

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"Gegen den Kopf" von Stephan Wagner erzählt, wie aus Geplänkel Gewalt wird. Wie sich in Sekunden alles dreht. Zum Mörder werden. Sein Leben verlieren. Wer hinschaut, kommt um. Wer wegschaut, kommt davon. Wie ungerecht das Leben ist. Anklänge an den Fall Dominik Brunner und den Fall Jonny K. Der Film bearbeitet ein relevantes Thema, die Dramaturgie lässt nichts zur Ruhe kommen. Schnelle Schnitte, Verhörsequenzen. Wer nicht mehr raucht, fängt wieder zu rauchen an.

Druck ist das Meta-Thema, der Druck in der U-Bahn geht fließend über in den Druck, den die Kommissare haben beim Lösen des Falls. Den Druck des zynischen Anwalts, der einen der Verdächtigen vertritt. Den Druck der Zeitungsleute, die ihre Story wollen und damit den Druck auf die Polizei noch mal erhöhen. Der dekorativ abgerissene Hauptkommissar Till Ritter (Dominic Raacke) flüchtet sich bisweilen in alte Zeiten, die er für die besseren hält. "Zu meiner Zeit hat man aufgehört zu schlagen, wenn ein Mensch am Boden lag", sagt er. Aber es war nicht alles besser. Zu seiner Zeit, das muss er sich eingestehen, gab es "deofreie Frauen, mit so Büschen unter den Achseln".

Jetzt stehen überall Überwachungskameras, die nur ratlose Bilder liefern, wie die Speicherkarten aus den sichergestellten Smartphones. Dieser sehenswerte Tatort erzählt auch eine Geschichte über eine Welt, in der tausend Augen immer alles betrachten, aber meistens erkennen sie: nichts.

Wer ermittelt wo mit welchen Tricks?

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ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.