"Tatort" aus Ludwigshafen Ein Albtraum von Coaching-Seminar

Der Aufenthalt im Lorenzhof ist für die Mordkommission, vor allem für Johanna Stern (r.), schwer traumatisierend.

(Foto: SWR/Martin Furch)

"Waldlust" mit Kommissarin Odenthal spielt in einem verlassenen Hotel und ist so gruselig, dass man gerne ausschalten würde.

Von Carolin Gasteiger

Die Erkenntnis:

Sollten Sie in nächster Zeit mit Ihren Arbeitskollegen einen Wochenend-Workshop machen, schauen Sie sich vorher die Location an. Und davor auf keinen Fall diesen Tatort. Das Seminar in "Waldlust" ist nicht nur ein Albtraum für jeden Mitarbeiter, sondern auch für jeden Coach.

Darum geht es:

Die Ludwigshafener Mordkommission fährt übers Wochenende zum Teambuilding in ein verlassenes Landhotel. Ohne Mario Kopper, der im vergangenen Fall ausgestiegen ist, müssen sich Kommissarin Lena Odenthal, Johanna Stern und ihre beiden Kollegen Edith Keller und Peter Becker neu sortieren. Und von Anfang an wirkt alles seltsam - zunächst finden sie den Weg nicht, dann empfängt sie Hotelinhaber Bert Lorenz mit einer Mistgabel in der Hand und seine Nichte Dorothee wirkt übertrieben nervös. Nach und nach erfahren Odenthal und Stern nicht nur von einem 27 Jahre zurückliegenden Mord, sondern müssen bald auch zwei neue aufklären. Und das abgeschieden von der Außenwelt, ohne Strom und Funkverbindung.

Bezeichnender Dialog:

Kommissarin Odenthal, ihr Team und der Dorfpolizist Jörn Brunner sitzen in der Gaststube des Hotels und überlegen, wer Johanna Stern in ihrem Hotelzimmer überfallenhaben könnte. Dann betritt Hotelbesitzer Lorenz den Raum.

Odenthal: Wo waren Sie die ganze Zeit?

Lorenz: Ich habe eine Sau zerlegt.

Odenthal: Jetzt?

Lorenz: Jetzt.

Flop:

Alles an diesem Fall wirkt überzeugend abstoßend - das Setting, die Figuren, vor allem die Atmosphäre. Mit den vielen Hirschgeweihen, ausgestopften Tieren an den Wänden und düsteren Fluren wirkt der Landgasthof so verlassen und unheimlich, dass man sich in Gedanken ins nächste Starbucks-Café wünscht. Zum Abendessen tritt eine greise Filmdiva auf und unterschreibt Autogrammkarten. Und dann liegt auch noch ein menschlicher Knochen im Gemüseauflauf. Alles in diesem Tatort löst im Zuschauer einen Fluchtreflex aus: lieber Ausschalten, was Hübscheres ansehen, ewas mit mehr Sinn. Abgesehen davon, dass die Handlung mit jedem Toten hanebüchener wird.

Top:

Und doch bleibt man dran. Gerade weil die Figuren so schräg, das Setting so unheimlich und die Atmosphäre so düster ist. Oder weil Regisseur Axel Ranisch seine Schauspieler improvisieren ließ. Die Dialoge in "Waldlust" sind auffallend authentisch, etwa wenn Lena Odenthal laut auflacht und Teamleiter Fröhlich an den Kopf wirft: "So viel Blödsinn auf einmal habe ich wirklich in meinem Leben noch nicht erlebt." Oder Johanna Stern mit einer blutenden Platzwunde auf der Treppe sitzt und unter Tränen fleht: "Ich will jetzt wirklich nur noch nach Hause." Auch wenn man diesen Tatort niemandem guten Gewissens empfehlen kann, ist er doch faszinierend abstrus. Und das ganz ohne Kopper.

Schlusspointe:

Bert Lorenz müsste sich eigentlich freuen, als auf einer Waldlichtung endlich herauskommt, dass Polizist Brunner schuldig ist - und Lorenz, der 27 Jahre lang für den Täter gehalten wurde, rehabiliert werden kann. Aber da greift Lorenz zur Waffe und zielt auf Brunner und Odenthal. Im Hintergrund wilde Streichermusik, die Szenerie erinnert an Carl Maria von Webers "Freischütz". Dann schießt Lorenz, Brunner fällt hin, Odenthal sackt in sich zusammen (ist aber nicht tot). Cut. Im Verhörraum fragt Johanna Stern Bert Lorenz: "Warum haben Sie geschossen?" Eine Antwort bleibt Lorenz ihr schuldig und liefert damit ein abstruses Ende für einen abstrusen Tatort.