"Tatort" aus Kiel Dieser Borowski würde auch bei einem Sektfrühstück auf Sylt eine passable Figur abgeben

Kommissar Borowski (Axel Milberg) mit seiner neuen Kollegin Mila Sahin (Almila Bagriacik) in "Borowski und das Haus der Geister", dem neuen "Tatort" aus Kiel.

(Foto: NDR/Christine Schroeder)
  • Im neuen Tatort aus Kiel bekommt Kommissar Borowski mit Mila Sahin (Almila Bagriacik) eine neue Kollegin.
  • "Borowski und das Haus der Geister" ist ein Film aus dem relativ neuen Genre des Gruseltatorts.
  • Das Problem: Dieser Tatort ist weder packender Spuk noch Familiendrama.
Von Holger Gertz

Zu den Besonderheiten der Kommissar-Figur Borowski gehört, dass es sie in zwei Variationen gibt. Der eine Borowski ist gedämpft, er sagt nicht viel, ein Höhlenbewohner, der trotzdem eine ganz eigene lakonische Wärme abstrahlt. So kennt man ihn zum Beispiel aus großen Episoden von Sascha Arango. Der andere Borowski ist schillernder, er trägt den gelben Regenmantel nicht zum Schutz gegen das Wasser, er trägt ihn, weil's halt schick ist, und so sieht er dann im aktuellen Tatort auch aus: wie ein Friesennerz-Model. Dieser Borowski ist kein Höhlenbewohner, er würde auch bei einem Sektfrühstück auf Sylt eine passable Figur abgeben, vor allem redet er manchmal zu viel und sagt: "Jeder in dem Haus will etwas verschweigen." Eine Wendung des Grauens aus dem Floskelschrank des Sonntagabendkrimis. Und eine Séance ("Wir rufen dich, großer Geist!") streift später sogar den Grenzbereich der Peinlichkeit.

Regisseur Elmar Fischer und Autor Marco Wiersch inszenieren ihren Borowski als Womanizer, Axel Milberg spielt das natürlich gewohnt souverän, aber die emotionale Tiefe fehlt. Seiner neuen Kollegin Mila Sahin (Almila Bagriacik) nähert er sich mit lockeren Tanzbewegungen aus der Hüfte, vollführt auf einem Parkdeck, zu Warteschleifenmusik. Es wirkt alles ein wenig überinszeniert in "Borowski und das Haus der Geister", ein Film aus dem relativ neuen Genre des Grusel-Tatorts. Weiches Licht, Albträume, glotzende Fratzen, flitzende Schatten, vitale Leichen, ein Aquarium, aus dem die Fische längst ausgezogen sind - alles verstärkt durch dräuende Musik. Das Ganze spielt in einem verwunschenen Haus, in dem offenbar der Strom abgedreht worden ist - denn wenn jemand endlich mal ein Lämpchen anknipsen würde, wären viele Probleme schnell gelöst.

Dieser Kieler Tatort will vieles sein und ist dann doch weder packender Spuk noch Familiendrama. Dafür kommen die Personen einem nicht nahe genug, und auch das Psychoduell von Borowski mit Familienvater Frank Voigt (Thomas Loibl) ist nur ein Duellchen, wenn man sich an große Kieler Fights der vergangenen Jahre erinnert, Milberg gegen Lars Eidinger oder Milberg gegen Mišel Matičević. Mal so gesagt: Verglichen mit dem verschatteten Borowski wirkt der tänzelnde Borowski sehr gewöhnlich.

ARD, Sonntag 20.15 Uhr

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