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"Tatort" aus Bremen:Wenn zu viel Liebe auf zu viel Unglück stößt

Tatort 'Nachtsicht'

Die Tatwaffe - ein Auto - hat Ermittlerin Inga Lürsen (Sabine Postel) schon. Aber wer ist der Täter?

(Foto: Radio Bremen)

Im großartig besetzten Bremer "Tatort" kämpft eine Familie mit Kommunikationsproblemen und die Ermittler mit einem Serienmörder.

Kolumne von Luise Checchin

Die Erkenntnis:

Liebe macht blind und das gilt nicht nur für die romantische Liebe. In "Nachtsicht" hat man es mit einem Ehemann zu tun, der einen Mörder vor allem darum deckt, weil er seine sterbenskranke Frau schonen will. Aber auch mit einer Mutter, die trotz etlicher Hinweise nicht glauben will, dass ihr Kind Schuld auf sich geladen hat. So wird eifrig verdrängt und verschleiert, während sich am Straßenrand die Leichen sammeln.

Darum geht's:

Ein Serienmörder geht um in Bremen - nein, falsch - er fährt. In seinem Auto lauert er nachts jungen Männern auf, überrollt und tötet sie. Schnell haben die Ermittler Inga Lürsen und Nils Stedefreund einen Verdächtigen: den 40-jährigen Kristian Friedland. Der hat zwar ein Alibi, verhält sich aber reichlich seltsam. Das merkwürdige Verhalten liegt offenbar in der Familie, denn auch Kristians Eltern scheinen etwas zu verbergen.

Bezeichnender Dialog:

Liebe als Versprechen, allen Übeln der Welt zu entfliehen - darum geht es in Tocotronics "Ich öffne mich", das in der Anfangsszene von "Nachtsicht" ertönt. Weil das Lied die Essenz dieses Tatorts sehr viel schöner zusammenfasst, als es irgendein Diaolog je könnte, hier wenigstens die erste Strophe:

Ich öffne mich/Und lasse dich in mein Leben/Ich werde mich nicht mehr/Der Schwerkraft ergeben/Ich öffne mich/Ich war zu lange gefangen/Zusammen können wir/Nach draußen gelangen/ Ich öffne mich/Öffne mich gänzlich für dich/Wir fliehen zu zweit/ Aus den Kerkern der Zeit

Beste Szene:

Beinahe wäre diese Bremer Folge schon nach fünf Minuten zu Ende gewesen. Da tritt nämlich Kristian Friedland, gespielt von Moritz Führmann, ins Büro der Kommissare. Etwas stimmt nicht mit diesem Mann, das erkennt man sofort. In seinem weißen Maleranzug erinnert er ein bisschen an einen Astronauten und auch sonst wirkt er so verloren, dass man wenig überrascht ist, als er mit trauriger Stimme feststellt: "Je länger ich auf dieser Welt lebe, desto weniger kenne ich mich mit allem aus." Was das heißen soll, will Hauptkommissar Stedefreund wissen, doch gerade als Kristian zu einer Antwort ansetzt, stürmt dessen Vater herein und verbietet dem Sohn weiterzureden. Man ahnt es hier bereits: Kristian Friedland ist der Mörder. Aber Moritz Führmann hat die Figur nun schon so eindrucksvoll eingeführt, dass man in den folgenden 85 Minuten trotzdem wissen will, was mit diesem Typen los ist.

Top:

Es ist die glänzende Besetzung, die diesen Tatort sehenswert macht. Denn was für die Figur des Kristian gilt, gilt ebenso für seine Eltern. Zwischen dem Ehepaar Friedland herrscht ein Abhängigkeitsverhältnis, das wohl entsteht, wenn zu viel Liebe auf zu viel Unglück stößt. Jost (Rainer Bock) kümmert sich aufopfernd um seine krebskranke Frau Leonie (Angela Roy), macht aber mit seinen Versuchen, sie vor der schmerzhaften Erkenntnis über ihren Sohn zu schützen, alles noch viel schlimmer. Leonie Friedland wiederum ergibt sich bereitwillig in ihre Unmündigkeit und so geben die beiden das spießige Vorstadtehepaar, während ihr Sohn weiter mordet. Bock und Roy gelingt es ganz großartig, ihre Figuren so anzulegen, dass man sich gleichzeitig von ihnen angezogen und abgestoßen fühlt. Zärtlichkeit, Verzweiflung und Scham sind hier so verwoben, dass es mitunter schwer fällt, zuzuschauen.

Flop:

Der erdrückende Kreislauf aus Verschweigen und Verdrängen liegt im Zentrum der Geschichte und eine Zeit lang schaut man fasziniert dabei zu, wie hier eine Familie an ihren Kommunikationsproblemen zugrunde geht. Aber dann bekommt dieser Tatort nach und nach selbst Probleme, und zwar in Sachen Spannungsaufbau. Um den Sog zu entwickeln, den es für ein echtes psychologisches Kammerspiel braucht, ist der Film zu unkonzentriert. Auf der Ebene der Kriminalgeschichte aber gibt es irgendwann nichts mehr zu holen: Der Täter steht früh fest und falsche Fährten werden eher lustlos gestreut. Das Einzige, was man als Zuschauer noch angeboten bekommt, ist die unvermeidliche Eskalationsspirale gegen Ende, die dann aber notgedrungen ziemlich bemüht daherkommt.

Schlusspointe:

Kristian Friedland ist gefasst, sein Vater, der die Schuld des Sohnes vertuschen wollte, entlarvt. Bevor die Ermittler Lürsen und Stedefreund den Vater abführen, erfüllen sie ihm einen letzten Wunsch: Noch einmal das Familienvideo anschauen, in dem der kleine Kristian die Drahtbrille vorführt, die er dem Vater zum Geburtstag gebastelt hat. Betretenes Schweigen auf Seiten der Ermittler, dann Abgang aller Beteiligten. Zurück bleibt nur das Standbild von Kristians Gesicht. Er hat die Brille aufgesetzt, aber da, wo sonst Gläser sind, klebt rotes Papier. Wer es bis hierher noch nicht verstanden hat, bekommt das Wegsehen-aus-Liebe-Motiv noch einmal plump vorgeführt. Wäre das nicht ohnehin die letzte Szene, man würde aus Protest gegen diese dick aufgetragene Sentimentalität jetzt sehr gerne ausschalten.

Die besten Zuschauerkommentare:

© SZ.de /cag/dd
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