Tatort aus Kiel Neid, der sich nicht allein nach innen frisst

Blaues Auge und Grumpy-Cat-Note: das Kieler Kommissarteam Sahin (l.) und Borowski.

(Foto: NDR/Christine Schroeder)

In der Kieler Episode "Borowski und das Glück der Anderen" werden Treue- zu Reuepunkte. Und das Gift der Todsünde wirkt zügig und gnadenlos.

Von Cornelius Pollmer

Folge 9/2019

Fernsehkrimi Dieser Borowski würde auch bei einem Sektfrühstück auf Sylt eine passable Figur abgeben
"Tatort" aus Kiel

Dieser Borowski würde auch bei einem Sektfrühstück auf Sylt eine passable Figur abgeben

In der ersten Folge mit seiner neuen Kollegin Mila Sahin sieht Borowski aus wie ein Friesennerz-Model. Auch ansonsten wirkt dieser "Tatort" etwas überinszeniert.   Von Holger Gertz

Kommissar*in: Borowski/Sahin

Sanft segelt die Kamera herab in eine Landschaft aus Eigenheimen. Von oben ist so viel Ordentlichkeit zu sehen, dass man ahnen muss: Unten bricht gleich die Hölle los. Sie tut es, nachdem Franziska Reichenbacher im Fernsehen die Lottozahlen verkündet hat. Champagnerlaune in einem Wohnzimmer, missgünstige Blicke aus dem gegenüber. In diesem Moment versendet sich im Hintergrund ein bemerkenswerter Satz Reichenbachers, die ihrem Publikum zum Abschied rät, "denken Sie einfach daran: Alles, was glücklich macht, macht uns auch reicher."

Dieser Film von Sascha Arango (Buch) und Andreas Kleinert (Regie) ist einer über die Möglichkeit des Gegenteils. Was reicher machen soll, kann einen ins Unglück stürzen. Den Beweis führt in diesem Fall aus Kiel die Kassiererin Peggy Stresemann (Katrin Wichmann) in eindrücklicher Weise. Stresemann könnte zufrieden sein mit ihrem Leben, aber der Neid lenkt ihren Blick auf die Nachbarn, die im Supermarkt keine Treuepunkte sammeln und bei denen plötzlich alles zu stimmen scheint, sogar die Zusatzzahl. "Wir haben doch alles, was wir brauchen, oder?", fragt Stresemann verunsichert ihren Micha und der sagt warm: "Mehr wäre unanständig." Doch Stresemann erkaltet weiter in ihrer Missgunst, hinzu kommt Verachtung für die Genügsamkeit ihres Partners. Sie fragt ihn: "Das hier nennst du Glück?"

"Borowski und das Glück der Anderen" erfüllt einige Kriterien, die in der Fernsehfilmforschung demnächst als Arango-Konstanten etabliert sein dürften. Erstens ist in diesem Tatort früh klar, wer gemordet hat. Und zweitens geht es um die Frage, was der Mensch an Bösem in sich trägt. Das dunkel funkelnde Kraftzentrum dieses Films ist der Neid von Peggy Stresemann, weil er sich nicht allein nach innen frisst. Stresemann kann diesen Neid nicht verbergen, er verdirbt ihr Urteilsvermögen und übertreibt ihr Handeln. Das Gift der Todsünde wirkt zügig und gnadenlos - die Erzählung davon offenbart erst dann ihre Schwächen, als mit dem Mord das Äußerste bereits geschehen ist. Zu schnell wird aus dem einzelhandelsüblichen Neid einer Kassiererin etwas uneinholbar Krankes. Stresemann tötet auch im Affekt, ein Erschrecken über diese Tat wird ihr kaum zugestanden.

Und die Kommissare? Mila Sahin (Almila Bagriacik) bleibt eine Bereicherung für den Kieler Tatort. Sie trägt in dieser Folge ein blaues Auge spazieren, und als sie gefragt wird, von wem sie es bekommen habe, sagt Sahin: "von privat". Klaus Borowski (Axel Milberg) wiederum führt seinen Gleichmut spazieren. Die leichte Grumpy-Cat-Note steht dem Kommissar weiter gut, besonders als er im Garten vor einem der Eigenheime observiert und die Kollegin am Telefon fragt, wo er sich befinde. Borowski antwortet stichhaltig: "zwischen zwei Pinien, die böse piksen".

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