Süddeutsche Zeitung

"Tatort" aus Franken:Der Täter ist Opfer, die Opfer sind Täter

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Von Holger Gertz

Vordergründig ist in diesem Tatort ein Killer unterwegs. Der Bayreuther Anwalt Thomas Peters (Thorsten Merten) wartet immer bis zur vollen Stunde, mit dem Glockenschlag tötet er dann: einen Richter im Gerichtssaal um zwei, eine Frau im Labor um drei. Wer stirbt um vier?

Das ist der dramaturgische Bogen der Episode von Erol Yesilkaya (Buch) und Sebastian Marka (Regie), es ist also mal wieder ein Wettlauf gegen die Zeit, den die Kommissare gewinnen müssen, aber diese Geschichte ist trotzdem keine Dutzendware. Denn nur vordergründig ist in diesem BR -Tatort ein Killer unterwegs, schnell stellt sich heraus, dass der mordende Anwalt erpresst wird. Er tötet, weil er töten muss, seinem Auftraggeber geht es um Gerechtigkeit, wenigstens um Rache. Um der Spoilergefahr zu begegnen, hier nur die groben Linien: All die, die sich eine Kugel fangen, haben sich selbst schuldig gemacht.

Der Täter ist Opfer, die Opfer sind Täter, und jetzt wird abgerechnet. Das war in legendären Folgen der Reihe ("Drei Schlingen" von 1977) schon das Motiv, und auch der untertreibende Episodentitel "Ein Tag wie jeder andere" lehnt sich an Klassiker wie "Ein ganz gewöhnlicher Mord" von 1973 an. Tatsächlich bringt auch dieser Franken- Dadord einiges mit, um selbst Klassiker zu werden. Die Virtuosen Yesilkaya und Marka halten die Spannung hoch, Countdowns laufen ab, Küchenuhren, Wanduhren, Funkuhren, Lebensuhren ticken runter. Es geht um Schuld und den Umgang mit Schuld, und die Filmemacher finden einen eleganten Weg, eine Eigenschaft von Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) aufzugreifen. Die Ermittlerin mag nicht schießen. Während sie jetzt ihr Trauma überwindet, wächst ein neues, und indem sie ein Leben rettet, gefährdet sie das nächste.

Auch waghalsigere Wendungen sind plausibel, souverän werden Gegensatzbilder aneinandermontiert. Hier verdurstet jemand, dort - Schnitt - kippt jemand Wasser in den Tank der Kaffeemaschine. Ein inhaltlich und handwerklich sehenswerter Tatort, dessen Tempo ihm in der B-Note ein wenig zum Verhängnis wird. Denn Zeit für einen Blick in die Abgründe von Killer und vor allem Hintermann hat der Film kaum, da fehlt ihm eine Ruhe, die bei einer Busfahrt am Anfang kurz spürbar wird. Sitzt also der Killer zerstört und schwitzend auf seinem Platz. Sagt eine Mitfahrerin: "Das wird alles wieder gut." Wird's aber ja nicht.

Das Erste, Sonntag 20.15 Uhr.

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Quelle:
SZ vom 23.02.2019
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