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Tamedia-Verlag:Zwei Titel, eine Zeitung

Medienkonzern Tamedia

"Hintergrund dieses Zusammenschlusses ist der sich rasch vollziehende Strukturwandel in der Medienbranche", rechtfertigt sich der Verlag Tamedia.

(Foto: Melanie Duchene/dpa)

In der Schweizer Hauptstadt gab es lange zwei eigenständige Zeitungen unter einem Verlagsdach. Nun muss Tamedia bei "Bund" und "Berner Zeitung" kürzen - die Politik spricht von einem "schwarzen Tag für den Medienplatz Bern".

Von Isabel Pfaff, Bern

Seit 18 Jahren existiert in Bern ein interessantes Konstrukt: zwei publizistisch eigenständige Tageszeitungen - der Bund und die Berner Zeitung - unter demselben Verlagsdach. Bis 2007 hieß dieses Dach Espace Media; seither gehören beide Zeitungen zu Tamedia, dem größten privaten Medienkonzern der Schweiz, mit dem auch die Süddeutsche Zeitung kooperiert.

Im Großraum Bern galt dieser Wettbewerb unter ungewöhnlichen Bedingungen als Gewinn. Vor allem, weil die beiden Blätter perfekt widerspiegelten, welche Gegensätze im Kanton Bern aufeinandertreffen: hier die urbane, meist links politisierende Leserschaft vom Bund, die Wert auf Auslandsberichterstattung und Kultur legt, da die eher konservative Landbevölkerung, die den umfangreichen Regional- und Sportteil der Berner Zeitung schätzt.

Medienschaffende in der Schweiz sind empört, manche sprechen von einer "historischen Zäsur"

Doch unter Tamedia mussten beide Zeitungen ihre Eigenständigkeit Stück für Stück aufgeben. Erst übernahm der Bund den gemeinsamen Mantelteil der Tamedia-Redaktionen, von 2018 an auch die Berner Zeitung. Seit drei Jahren war von dem sogenannten "Berner Modell" also nur noch die Lokalberichterstattung übrig. Dass die Konkurrenzsituation auch in diesem Bereich bald ein Ende haben würde, erfuhren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im vergangenen Herbst. Seit einigen Tagen ist nun bekannt: Die zwei Lokalredaktionen sollen zum 1. Oktober dieses Jahres verschmelzen, und in diesem Zuge rund 20 von insgesamt etwa 70 Vollzeitstellen wegfallen.

Dem Namen nach sollen beide Titel erhalten bleiben, doch die Inhalte kommen künftig aus einer Hand. Wie Tamedia am vergangenen Donnerstag mitteilte, werde die Redaktion in den Blättern unterschiedliche Schwerpunkte setzen, um der jeweiligen Leserschaft gerecht zu werden. Zwei Zeitungsstimmen aus Bern, die über dasselbe Ereignis berichten, wird es künftig aber nicht mehr geben.

Die Nachricht von der Fusion sorgt für Empörung unter Schweizer Medienschaffenden. Das Onlinemagazin Medienwoche spricht vom "Anfang einer neuen Zeitrechnung auf dem Medienplatz Bern", Medienjournalisten schreiben von einer "historischen Zäsur" und von einem "wesentlichen Stück Medienvielfalt und dazu 170 Jahre Berner Kulturgeschichte", die verloren gehen würden. Auch die Politik findet erstaunlich deutliche Worte: Die Berner Kantonsregierung kritisiert den Schritt und die damit einhergehende "Verarmung" der Berichterstattung über lokale und regionale Themen im Raum Bern. Und Alec von Graffenried, der Berner Stadtpräsident, schreibt von einem "schwarzen Tag für den Medienplatz Bern". Mit dem Abschied vom "Berner Modell" habe Tamedia die eigenen wirtschaftlichen Interessen höher gewichtet als ihre medienpolitische Verantwortung.

Tamedia rechtfertigt sich mit dem Verweis auf die wirtschaftliche Situation. "Hintergrund dieses Zusammenschlusses ist der sich rasch vollziehende Strukturwandel in der Medienbranche, von dem auch beide Berner Titel betroffen sind", heißt es in einem Artikel in eigener Sache. Werbeumsätze und Printauflagen würden schrumpfen, weshalb die Kosten gesenkt werden müssten.

© SZ/cag
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