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Talkshow:Spielchen mit der süßen Droge

'Menschen bei Maischberger' Sandra Maischberger

In der Gesprächsrunde bei Sandra Maischberger ging es um mögliche Gesundheitsgefahren durch Zucker.

(Foto: dpa)

Wie viel Zucker ist erlaubt? Die Talkshow von Sandra Maischberger hätte spannend sein können, doch die Gästeliste ist viel zu lang - und die Moderatorin fragt an entscheidenden Stellen nicht nach.

Zucker, Z-C-K, klingt ja schon wie ein scharfer Schnitt in die guten Vorsätze: Bisschen Abnehmen, mehr Sport, mehr Gemüse. Vor allem aber weniger süß, süß, süß. Gut, könnte man jetzt sagen, soweit alles bekannt: Zucker macht Karies, Zucker macht dick, Zucker macht krank. Könnte man ja eigentlich die Glotze ausschalten, wozu noch eine Talksendung mit Sandra Maischberger zu dem Thema "Süße Droge Zucker"?

Wenn es denn so einfach wäre.

Beim Thema Ernährung ist es ja ähnlich wie beim Impfen: Viel gefährliches Halbwissen kursiert und keiner weiß so richtig, ob es ums Recht haben oder ums gesund leben geht. Und genau das ist auch das Problem der Talkrunde. In der völlig überbesetzten Arena diskutieren: Grünen-Politikerin Renate Künast ("Zucker ist der neue Tabak"), RTL-Moderatorin Katja Burkard ("Ich bin süchtig"), Tagesschausprecherin und Ärztin Susanne Holst ("Ohne Zucker kein Leben"), Olympiasieger Matthias Steiner ("Warum sind in einem Glas Limo neun Stück Zucker drin?"), Zuckerlobbyist Christoph Minhoff ("Zucker ist meine persönliche Freiheit"), Verbraucherschützer Armin Valet ("Die Zuckerindustrie hat zu viel Macht") und der umstrittene Ernährungsexperte Uwe Knop ("Studien, Studien, Studien - aber keine Beweise").

Wer jetzt noch weiß, um was es geht, hat Glück, denn nicht selten sprechen die Gäste an diesem Abend durcheinander und dabei immer wieder über das Gleiche. Im Prinzip teilt sich die Runde in zwei Lager: Zuckerlobbyist Minhoff und Ernährungsexperte Knop gegen den Rest. Dieser Rest ist sich dann gefühlt oder auch faktisch schnell einig: Zucker ist schlecht, denn er macht dick und krank. Die Industrie aber setzt allerlei Lebensmitteln immer mehr Zucker zu. Und der Verbraucher hat keine Chance, das zu erkennen.

Ernährungsexperte Knop wischt die Warnungen der WHO mit einem Satz vom Tisch

Die Debatte wäre durchaus spannend geworden, hätte Moderatorin Maischberger diese beiden Lager deutlicher getrennt. Denn in aller Einigkeit lässt sich zum Beispiel Uwe Knop durchaus zu bemerkenswerten Sätzen hinreißen. Die Menschen seien "ernährungsideologisch verdorben." Knop sieht sich als Vertreter der Wissenschaft und jongliert immer wieder mit dem Wort "Studienlage." Die sei eindeutig uneindeutig: Es gebe keine Beweise, dass Zucker krank und dick macht.

Das ist interessant, weil Knop damit aus dem Handgelenk die Warnungen der Weltgesundheitsorganisation WHO und zahlreicher namhafter Mediziner vom Tisch wischt. Welche Studien genau er da gelesen hat und wie seine Aussage mit den bis ins Detail erforschten Stoffwechselprozessen des Körpers vereinbar ist, bleibt unklar - auch, weil Moderatorin Sandra Maischberger es verpasst, ihn danach zu fragen.

Spannend, weil polarisierend, ist auch Christoph Minhoff, Geschäftsführer der Lebensmittelverbände BLL und BVE. Er sagt: Nicht Zucker ist das Problem, sondern die mangelnde Bewegung der Menschen.

Man hätte Knop und Minhoff entgegnen können, dass weltweit immer mehr Menschen an Übergewicht und Diabetes leiden. Man hätte einen Biochemiker befragen können, wie genau der Körper Zucker eigentlich verstoffwechselt und bei übermäßigem Konsum als Fettdepot anlegt. Man hätte Knop und Minhoff erwidern können, dass jüngste Studien vernünftige Argumente für die Vermutung liefern, dass sich der Kalorienbedarf des Körpers an zusätzliche Bewegung anpasst - und daher der Schlüssel zum Abnehmen eher in einer reduzierten Kalorienzufuhr als in mehr Sport liegt.

Stattdessen aber spielt Moderatorin Sandra Maischberger mit Verbraucherschützer Armin Valet und Lebensmittellobbyist Christoph Minhoff an einem separaten Tisch Zuckerwürfelraten, was mitunter durchaus komische Momente hatte. "Schätzen Sie mal, wie viel Stücke Würfelzucker in diesem Krautsalat sind ", fragt Maischberger ihre Gäste. Doch Minhoff will nicht schätzen, er will den Zuckergehalt lieber von der Dose ablesen. Geht aber nicht, er findet seine Lesebrille nicht und überhaupt will er das "Spielchen" nicht mehr länger spielen. Maischberger antwortet scharf: "Das ist kein Spiel." Danach reden alle durcheinander. Ergebnis des Duells: Ohne Brille kann man die Nährwertangaben der meisten Verpackungen nicht entziffern.

Als die Diskussion beginnt interessant zu werden, bricht Maischberger ab

Gelernt haben die Zuschauer aber dann doch noch etwas. Zum Beispiel erklärt Verbrauchschützer Valet, wie die Hersteller tricksen, indem sie beim Süßen von Lebensmitteln mit Süßmolkepulver nachhelfen.

Spannend wurde es dann nochmal zum Schluss der Sendung, als der durch das Spielchen etwas angefressene Minhoff wieder zurück in die Runde kommt und sich mit Renate Künast anlegt. Die ehemalige Landwirtschaftsministerin fordert die Industrie auf, weniger zuckerhaltige Lebensmittel zu produzieren. Minhoff sieht in diesem Vorschlag seine Freiheit als Verbraucher bedroht - und gibt ziemlich plump zu erkennen, dass er sich nicht von der Politik in ein Milliardengeschäft reinquatschen zu lassen will. Als diese Diskussion beginnt interessant zu werden, bricht Moderatorin Maischberger ab und wendet sich an RTL-Moderatorin Katja Burkard. Die beschreibt sich selbst als zuckersüchtig und hat den Versuch gewagt, einfach mal ein paar Wochen darauf zu verzichten. Ihre Antwort auf Maischbergers Frage, welche Alternativen sie denn ganz persönlich zum Zucker gefunden hat: "Ich fand Birkenzucker ganz gut".

Manche in der Runde schmunzeln, denn Birkenzucker ist unter Ernährungswissenschaftlern umstritten und sicher nicht die Lösung des Problems. In der folgenden Aufregung versucht Gewichtheber Matthias Steiner daher noch anzumerken, dass - wie jedes Lebensmittel - Zucker in Maßen (Achtung: nicht Massen) genießbar sei. Doch dieser kluge Satz geht schließlich vollkommen im wilden Durcheinander unter. Gut, dass die Sendung vorbei war, sonst hätte vielleicht noch jemand festgestellt, dass man auch an einer Überdosis Wasser sterben kann. Es war dann aber auch schon Mitternacht.