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Talkshow "Hart aber fair":Alles fließt - nur die Menschen dürfen nicht

Markus Söder in der Talkshow "Hart aber fair" zum Thema: "Schlagbaum runter - Zäune hoch".

Vernunft besteht für ihn vor allem in Grenzkontrollen: Markus Söder bei "Hart aber fair" zum Thema "Schlagbaum runter - Zäune hoch".

(Foto: WDR/Oliver Ziebe)

CSU-Mann Söder fordert im ARD-Talk "Hart aber fair" mehr Vernunft in der Flüchtlingskrise, SPD-Vize Stegner mehr Herz. Recht haben sie beide. Aber ...

Die Talkshows der Republik werden meist von Teilnehmern bevölkert, bei denen klar ist, was sie sagen. Argumente werden nicht entwickelt, sondern sind an die Personen gebunden wie die Wettervorhersage an die Tagesschau. Das muss nicht immer schlecht sein. Der Zuschauer kann und soll ja entscheiden, wer die besseren hat.

Bei Hart aber fair zum Thema "Schlagbaum runter, Zäune hoch" zeigen sich exemplarisch zwei Positionen, die in Deutschland gerade in der öffentlichen Debatte über Schutzsuchende vertreten werden. Allerdings nur von denen, die sich ernsthaft an der Debatte beteiligen - und sich nicht ressentimentbeladen dafür disqualifizieren. Das ist auf der einen Seite eine bunte Koalition, deren Slogan ausgerechnet eine CDU-Politikerin geliefert hat: "Wir schaffen das", hat Kanzlerin Angela Merkel gesagt. Man steht am Bahnhof und applaudiert den Ankommenden, spendet für sie, engagiert sich.

Und da sind die anderen, die rufen: Naiv, ihr seid naiv. Klar, helfen müsse man. Aber was ist in vier Monaten. Da stehe keiner mehr am Bahnhof. Und dann? Wohin mit den vielen Menschen?

Herz gegen Verstand?

Die Rollen bei Frank Plasberg sind klar verteilt: "Wir müssen Politik mit Herz machen." Das sagt SPD-Vize Ralf Stegner. Es gebe viele Gründe dafür, die Flüchtlinge nicht als Bedrohung zu sehen. "Ich glaube, dass das eine Chance ist", so Stegner. Dann fügt er schnell das Aber an. Die Probleme dürfte man "nicht verniedlichen". Die unerschütterlich-optimistische Pastorin Margot Käßmann findet, Angst sei kein christlicher Wert und spricht von einem "Akt der Barmherzigkeit".

Dagegen der bayerische Finanz- und Heimatminister Markus Söder, der vergangene Woche noch eine Änderung des Asylrechts angeregt hatte: Der CSU-Mann verzichtet zwar auf allzu Populistisches. Doch in seinen Antworten geht er über den obligatorischen Part, in dem er den Flüchtlingen die nötige Hilfe verspricht, schnell hinweg. Um dann immer wieder zu betonen: Vernunft müsse wieder einkehren. Ständig bemühte er sie, diese Vernunft. Jedenfalls könne man "nicht jeden einladen, dem es nicht ganz gut geht auf der Welt". Irgendwann sei schließlich die "kulturelle Balance" eines Landes herausgefordert.

Ähnlich wie Stegner wirkt Söder bei seinen Ausführungen immer ein wenig so, als verstecke er sich hinter dem Panzer des Selbstgerechten, als immunisiere er sich gegen jeden Zweifel. Söder spricht zu denen, die finden, deutsche Hilfsbereitschaft dürfe nicht überstrapaziert werden. Und Gergely Pröhle, Staatssekretär für bilaterale EU-Beziehungen aus Ungarn, verteidigt vehement den Zaun, der errichtet wurde, um Flüchtlinge fernzuhalten, und verdammt eine europaweite Quotenregelung für Flüchtlinge, über die die EU-Innenminister gerade streiten.

Klar ist: Die Tausenden Flüchtlinge, die nach Deutschland gekommen sind und weiterhin kommen, werden dieses Land verändern. Es sind so viele wie noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik. Was Deutschland erlebt, ist historisch. Sorgen sind da nicht zu vermeiden.

In einer globalisierten Welt, einer polykulturellen Welt, stellen sich Fragen: "Wo ist das Zentrum?" "Welche Information ist wichtig?" "Wo ist mein Platz?" In einer solchen Welt wird man sich seiner eigenen Kleinheit, seiner Verletzlichkeit bewusst. Die Anmaßung, die jeden einmal befällt, der eigene Lebensstil, die eigene Lebenswirklichkeit, die eigenen Prioritäten, all das sei endgültig, universell, wird konterkariert, ad absurdum geführt.

Wie sollen wir mit einer solchen Entzauberung umgehen?

Wenn Söder an die Vernunft appelliert, geordnete, strukturierte Verhältnisse fordert, hat er damit auf floskelhafte Art und Weise recht - genau wie sich gegen die Allgemeinplätze von Käßmann und Stegner kaum etwas einwenden lässt.

Wenn Söder Vernunft fordert, schwingt immer mit, es herrsche gerade die völlige Unvernunft, Chaos. Doch das herrscht in den Lagern um Syrien herum, in Jordanien, in der Türkei. Und wenn Stegner mehr Herz verlangt, heißt das nicht, dass die meisten Menschen in Deutschland herzlos sind.

Und so klingt es manchmal, als unterschieden sich die Meinungen der Diskutanten gar nicht groß. Die Worte klingen ähnlich. "Hilfe, aber...", "Integration, aber...", "Probleme, aber". Doch der Unterschied liegt in der Betonung - und ist gewaltig. Söder und Pröhle betonen die Gefahren, Käßmann und Stegner die Chancen. Hier geht es nicht um Freuds Narzissmus der kleinen Distinktion. Die Ansatzpunkte sind grundverschieden.

Wer hat sie also, die besseren Argumente?

Was mit Blick auf die große Herausforderung der Integration der Flüchtlinge erfolgversprechender ist, das macht der Wissenschaftler in der Runde deutlich, Herfried Münkler, Politikwissenschaftler in Berlin. Klar sei, so Münkler, dass die Menschen dorthin gingen, wo sie eine Perspektive haben. Die hätten sie nicht in den Lagern Jordaniens. Da helfe es auch nicht, "eine zusätzliche Toilette einzubauen". Er spricht über die Globalisierung, wie heute alles ströme: Waren, Finanzen. Und wie die vom Strömen profitierten. Nur "die Menschen klinken wir aus aus dem Fluiden". Das könne nicht gut gehen. Und dann spricht er Markus Söder an: "So stark, wie sich viele Politiker bei der Flüchtlingskrise geben, so stark möchte ich sie bei Fragen der Integration sehen."