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Tageszeitung:"Wir sind Brückenbauer im Grenzland"

Eine Gazette sucht nach neuen Wegen: „Ich bin nicht in der Hygge-Industrie“, sagt Chefredakteur Gwyn Nissen.

(Foto: privat)

Der "Nordschleswiger" hat kaum mehr 1200 Abonnenten. Doch das Sprachrohr der deutschen Minderheit in Dänemark ist ein geschützter Exot. Und Chefredakteur Gwyn Nissen hat Ideen für die Zukunft.

Fährt man von Deutschland nach Dänemark hinauf, um zum Beispiel die Zeitung Der Nordschleswiger zu besuchen, dann stellt sich leicht ein heimeliges Gefühl ein. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass auch die Deutschen vor einiger Zeit das dänische Wort hygge entdeckt haben und es seither wahnsinnig gern benutzen. Unterbrochen wird die Behaglichkeit allenfalls, wenn man an der Grenze hinter Flensburg im Stau steht und von Dänemarks Polizei herausgewinkt wird.

Gwyn Nissen passiert das bei seinen häufigen Grenzgängen auch immer mal wieder, er hat über die Kontrollen mehrere Leitartikel verfasst. "Lästig, weil's mal anders war", sagt der Chefredakteur des Nordschleswi ger. Denn EU und Schengen haben die Nachbarn zwar geeint, doch im Zuge der Flüchtlingsdebatte hat Kopenhagen beschlossen, auch zwischen Nordschleswig und Südschleswig zwischendurch Papiere zu prüfen. Und einen Wildschweinzaun alias Vildsvinehegn bauen die Dänen auch noch an der Naht von Jütland und Schleswig-Holstein, wegen der Afrikanischen Schweinepest. Das waren im Nordschleswiger natürlich alles Themen.

Die Redaktionszentrale findet sich an einer Hauptstraße der schönen Stadt Aabenraa, zu deutsch Apenrade, eine gute halbe Stunde nördlich von Flensburg an einer Ostseeförde. Es ist ein Gebäude mit Turm, wunderbar renoviert. Oben am Rundturm dreht sich ein elektronisches Nachrichtenbanner: "Skaterhalle in Pattburg kann Fahrt aufnehmen. Bürgermeister mahnt Respekt vor Demokratie an." Unter normalen Umständen wäre die gesamte Ausstattung für ein Blatt dieser Größe unbezahlbar: Der Nordschleswiger hat kaum mehr 1200 Abonnenten, und am Kiosk wird er gar nicht verkauft. Doch dieser Exot ist geschütztes Kulturgut, Sprachrohr der deutschen Minderheit im dänischen Süden.

1946 war das Blatt eine der ersten freien deutschen Zeitungen Westeuropas nach dem Krieg, seither fühlt Der Nordschleswiger diesem Grenzgebiet den Puls. "Wir sind die größte deutschsprachige Zeitung Skandinaviens", sagt Gwyn Nissen. "Wir sind auch die einzige." Die kleinste Zeitung Dänemarks sind sie ebenfalls, und jetzt sucht man mitten in der weltweiten Zeitungskrise in diesem Biotop nach neuen Wegen.

Im Pressehaus sind auch dänisches Fernsehen und eine dänische Regionalzeitung untergebracht, ein Mäzen ließ es umbauen. Im Foyer mit Windrose im Marmorboden stehen alte Druckmaschinen, Tausende Gäste bestaunen jedes Jahr die Räume. Außerdem wird Der Nordschleswiger vom Bund Deutscher Nordschleswiger mit umgerechnet 2,4 Millionen Euro jährlich unterstützt und vom Königreich Dänemark mit 400 000 Euro. Das reicht für 21 Mitarbeiter inklusive vier Außenredaktionen, im Zimmer des Sportredakteurs hängt neben anderen Fußballtrikots ein Originaldress von Dänemarks Europameistern 1992. Sogar eine Beauftragte für Crossmedia konnte eingestellt werden, denn vier Jahre lang kommen je 300 000 Euro an staatlichen Zuschüssen dazu - für den Übergang ins komplett digitale Zeitalter.

Im Februar 2021 soll das letzte Mal gedruckt werden, zum 75. Jubiläum. Abschiedsschmerz vom Papier? Von wegen. Für Gwyn Nissen könnte es noch schneller gehen, die Doppelbelastung für Printausgabe und Netzversion macht seiner Mannschaft zu schaffen, und er schätzt die Vorteile im grenzlosen Netz. Mehr Reichweite, weniger Kosten, direkterer Kontakt. Die Zeitung erreicht nicht mal ein Zehntel der deutschen Minderheit in Dänemark, das wären 15 000 bis 20 000 Menschen. Die letzten Getreuen mit Jahresabo für 375 Euro werden immer älter.

Das Internet soll das Publikum erweitern, gleichzeitig ärgert der anstehende Verzicht die Stammkunden. "Wir nehmen da ein Stück Hygge weg", sagt der Chefredakteur Nissen, Jahrgang 1963. In einigen Monaten wird am Frühstückstisch nicht mehr gemütlich Der Nordschleswiger, Untertitel Die deutsche Tageszeitung geblättert. Aber Gwyn Nissen sagt auch: "Ich bin nicht in der Hygge-Industrie. Ich bin in der Nachrichten-Industrie." Er trägt Shorts und Shirt, draußen kreischen die Möwen.

Der Strukturwandel treibt die gesamte Branche um, nur ist es in diesem Fall halt speziell. Es handelt sich um eine gesponsorte Stimme einer Sprachgruppe, um ein Stück bilaterale Geschichte. Online soll Der Nordschleswiger obendrein gratis bleiben, das Geschacher um Bezahlschranken mache angesichts beschränkter Leserschaft und großzügigen Geldgebern keinen Sinn. Schon jetzt nehmen die Klicks zu, was auch die Aussichten auf digitale Werbeaufnahmen erweitert. Das Geschäftsmodell bleibt eine Mission, wie bei anderen deutschsprachigen Zeitungen in anderen Ländern wie dem Argentinischen Tageblatt oder der Prager Zeitung, die bereits nur noch online erscheint. "Wir haben die Verpflichtung, die deutsche Minderheit zu erreichen", sagt Gwyn Nissen. "Wir sind Brückenbauer im Grenzland."

Gerade ist die dänische Königin Margrethe nebenan in Schleswig-Holstein zu Gast, mit royaler Yacht, der Besuch steht auf der Website weit oben. 2020 werden die Volksabstimmung und die Grenzziehung zwischen Nord- und Südschleswig 100 Jahre alt. Apenrade war deutsch, Aabenraa ist dänisch. Der dänische Deutsche oder deutsche Däne Nissen hat eine walisische Mutter, daher der Vorname, er ging in einen deutschsprachigen Kindergarten und eine deutschsprachige Schule. Er fühlt sich beiden Ländern zugehörig und spricht Deutsch mit winzigstem Akzent.

Vorbei die Zeiten, in denen die deutsche Minderheit in Dänemark als Nazipack beschimpft wurde, das aktuelle Feindbild vieler Politiker sind Migranten. Nissens Stücke über Schulen, Niedrigzinsen oder Sydbank prüft im Zweifel noch ein deutscher Muttersprachler. Mit der Flensborg Avis, der Zeitung der dänischen Minderheit in Deutschland, und dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag kooperiert Der Nordschleswiger und tauscht übersetzte Artikel aus, gedruckt wird in Kiel.

Das vollständig Digitale würde in der deutschen Funklochprovinz auch kaum so gut funktionieren. Im durchdigitalisierten Dänemark hat jedes Dorf Breitbandanschluss, da sind die Dänen extrem effizient. "Alle glauben, wir sind zu hyggelig", sagt Gwyn Nissen. Das könne täuschen. Dänische Geschäftsleute seien knallhart.