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"Tagesschau vor 20 Jahren" bei Twitter:"Die Gegenwart bekommt mehr Tiefe"

Tagesschau-Screenshots für Medien

Der Transrapid fuhr auf die Menschen zu, kam aber nie bei ihnen an.

(Foto: Tagesschau)

Der Literaturwissenschaftler Hannes Fischer schaut 20 Jahre alte Nachrichten und stellt sie bei Twitter ein. Daraus ergeben sich oft kuriose Parallelen zur Gegenwart. Was lässt sich daraus lernen?

Von Cornelius Pollmer, Berlin

Bei Twitter liest man vieles, aber keine Literatur - Hannes Fischer vereint dennoch beides. Der 34-Jährige schreibt gerade an seiner Dissertation in Literaturwissenschaft und ist für ein Gespräch vor das Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität Berlin gekommen. Denn jeden Tag stellt Fischer bei Twitter alte Nachrichten der Tagesschau in einen gegenwärtigen Kontext.

Herr Fischer, Sie sind bei Twitter, Ihr Account heißt @TagesschauVor20 und hat etwa 44 000 Follower. Für alle, die ihn nicht kennen: Was machen Sie da?

Hannes Fischer: Ich schaue täglich die Ausgabe der Tagesschau von vor 20 Jahren und suche sie ab nach Dingen, die für mich und für andere heute interessant sein könnten. Manche Meldungen spule ich aber auch gleich durch.

Welche?

Große Teile der Sportberichterstattung. Die Nordischen Kombinierer von 1997 sind nicht gerade im kollektiven Gedächtnis gelandet. Aber es gibt schon Sachen, die immer noch gut funktionieren, die Berichterstattung über den HSV zum Beispiel.

Helfen Sie mir: War der HSV damals auch schon so durcheinander?

Im Gegenteil, der hat damals in der Champions League gespielt! Die historische Stärke des HSV ist aus heutiger Sicht natürlich interessant. Das ist wie mit der SPD.

Wenn Sie am Handy sitzen und Nachrichten mit 20 Jahren Verzug betrachten, was denken Sie da?

Ich kann jetzt so einen typischen Vergleich von Literaturwissenschaftlern bringen. Das ist wie bei der Madeleine-Szene von Proust - man sieht die Bilder und wundert sich, welche fürchterliche Kleidung damals getragen wurde, und dann erinnert man sich an seine eigene schlimme Kleidung und die immer noch schönen Sachen, die man mit ihr verbindet.

Manches auf Ihrem Account ist wirklich furchtbar: "[17.3.95] Vor Klimakatastrophe warnt der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung in einem an Umweltministerin Merkel übergebenen Bericht. Wenn weiterhin die gleichen Mengen an Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangten, wäre ein Gegensteuern in rund 25 Jahren nicht mehr möglich."

Ich bemühe mich sonst, Nachrichten zu bringen, die exakt 20 Jahre alt sind, doch für diesen Kontext habe ich meine eigenen Regeln ein wenig gestreckt. Ich finde so eine Meldung natürlich auch traurig, aber das ist nicht bei allen Nachrichten der Fall. Es gibt Probleme, die nicht mehr auf die gleiche Art und Weise existieren wie vor 20 Jahren. Aber solche Meldungen, die ein Scheitern zu belegen scheinen und menschliches Versagen, die sind bei Twitter erfolgreicher.

Tagesschau-Screenshots für Medien

Die Klimakatastrophe droht schon lange.

(Foto: Tagesschau)

Da kommt oft dieser öde und bequeme Sarkasmus...

"Das hat ja gut geklappt", muss ich in den Kommentaren extrem häufig lesen. Oder "History repeating". Oft kommt aber auch dieses Dylan-Zitat: "The times they are a-changin'..." Mir sind jedenfalls beide Seiten extrem wichtig, die ungelösten Probleme wie die komplett vergessenen Dramen. Gerade die vergessenen Meldungen zeigen ja, dass zukünftige Entwicklungen selten vorhersagbar und unausweichlich sind.

Was ist denn besser geworden in der Welt?

Das sind jetzt ein bisschen gefühlte Wahrheiten, aber es kommen heute viel weniger Entführungen und Banküberfälle vor. Die Konflikte auf dem Balkan haben sich etwas abgekühlt. Es wurde auch sehr viel über das Telefonieren berichtet. Damals wurde der Telefonmarkt liberalisiert, es wurde diskutiert, ob man mit Vorwahlen günstiger telefonieren darf, das hat sich ja alles aus guten Gründen erledigt.

Tagesschau-Screenshots für Medien

Berichterstattung zu den Flughäfen von Berlin.

(Foto: Tagesschau)

Und was ist Ihnen beim Personal der Tagesschau aufgefallen?

Die Konstanz - und ein gewisses Karrieremuster. Korrespondentinnen und Korrespondenten müssen erst mal an entfernte Orte gehen, wechseln dann an "gute" entfernte Orte wie Washington oder Paris, London oder Moskau - und kommen dann zurück ins Hauptstadtstudio.

Wen aus dem Tagesschau-Umfeld mögen Sie besonders?

Wilhelm Wieben, der hatte wirklich einen ganz eigenen Stil, was Anzüge angeht. Ich mochte auch seine Präsentation der Nachrichten, die Mimik, das geht hin bis zur Blatthaltung. Wieben hielt das Blatt immer leicht angeschrägt in die Kamera, das macht heute kaum noch einer.

Warum?

Ich glaube, es ist eine zu persönliche Geste. Die Nachrichtensprecher sollen Hüllen sein, sie sollen sich gar nicht so sehr abheben. Da wäre ein Wilhelm Wieben heute vielleicht schon zu exzentrisch.

Entwickelt man beim Sichten der alten Tagessschau-Ausgaben Vertrautheit?

Das ist eine schwierige Frage. Vertrautheit entsteht, glaube ich, weniger über die Sprecher, sie entsteht eher über die Meldungen. Man bekommt ein Gefühl für den ewigen Nachrichtenkalender, jedes Jahr ist Cebit, jedes Jahr beginnt die Bundesliga neu und kommt die Bilanz zum Jahreswechsel. Dagmar Berghoff trug in einer Sendung vor Weihnachten übrigens immer eine kleine Weihnachtsbaumbrosche, das lässt sich über vier, fünf Jahre nachvollziehen.

Die Cebit gibt's nicht mehr, die Bundesliga ist wegen der Pandemie unterbrochen worden. Wie hat sich dieses Virus auf Ihre digitale Arbeit ausgewirkt?

Tatsächlich ist es in diesem Jahr schwerer geworden, Präzedenzfälle oder auch einfache Nachrichten von damals zu finden, die nachhallen. Da bleibt höchstens ein Wortspiel, die Metapher zu den vielen Computerviren, die um die Jahrtausendwende die Welt beschäftigt haben. Die zeigten damals schon eine globale Verbundenheit, die aber nicht wie heute in den Alltag durchdrang.

Über Präzedenz lässt sich viel nachdenken, wenn man mit heutigem Wissen um den NSU bei Ihnen diese alte Nachricht liest: "Der Chef des thüringischen Verfassungsschutzes wird wegen Zusammenarbeit seines Amtes mit einem wegen Volksverhetzung verurteilten Neonazi in den einstweiligen Ruhestand versetzt."

Wenn der Account neben der Unterhaltung irgendetwas leisten kann, dann, dass man heutige Meldungen schon auf einen künftigen historischen Kontext abklopfen kann. Der Rechtsextremismus ist dahingehend ein wichtiges Element. Er war vor 20 Jahren extrem virulent, man hat das, fürchte ich, fast schon vergessen. In der Tagesschau war damals schon Beate Zschäpe auf einer Demonstration in Worms zu sehen, sie huschte da durchs Bild, auch die Garagenfunde des NSU in Jena waren in der Tagesschau.

Welche Ihrer Funde fanden Sie besonders bemerkenswert?

Bei manchen Meldungen hat man das Gefühl, dass die Zukunft auf sehr präzise Weise antizipiert wurde: Die dauerhafte Relevanz des Internets und digitaler Infrastruktur findet sich an vielen Stellen. Und dann gibt es Dinge wie die Meldungen zum Ausbau des BER oder zum Aufbau des Transrapids. Das ist allerdings eine Zukunft geblieben, die nie eingelöst wurde. Diese Magnetschwebebahn zu sehen, die auf den Zuschauer zufährt, aber bei diesem dann nie angekommen ist, das ist in gewisser Weise paradigmatisch für diesen Account.

Hannes Fischer Tagesschau vor 20 Jahren

Hannes Fischer betreibt sehr erfolgreich den Twitter-Account "Tagesschau20Jahre". Dort sammelt er Schlagzeilen aus alten Nachrichtensendungen, die bis heute nachhallen. Sehr, sehr viele Menschen wollen das lesen.

(Foto: privat)

Wieso findet derart vergangene Zukunft ein so großes Publikum auf Twitter?

Viele Menschen empfinden Nostalgie und Sentimentalität, und dieser Account bedient solche Gefühle. Er ermöglicht auch eine gewisse Rache gegenüber der Machtlosigkeit, die man gegenüber dem aktuellen Nachrichtenstrom empfindet. Man hat selber keine Chance, sich über einen Zeitraum von fünf Jahren an diesen Strom von Versprechen zu erinnern, sie abzuprüfen. Mein Account droht das Erinnern an. Die Gegenwart bekommt mehr Tiefe.

Seit inzwischen fünf Jahren stellen Sie in dieser Weise öffentliche Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart her. Hat sich die Tagesschau schon mal bei Ihnen gemeldet?

Der Account lief einige Monate und machte dann so langsam die Runde. Die Redaktion hat mich zunächst freundlich kontaktiert, damit ich darauf hinweise, dass der Account kein offizieller sei. Später wurde ich nach Hamburg zu einem Besuch bei der Tagesschau eingeladen, in gewisser Weise als Dank dafür, dass ich deren Archiv pflege.

Wenn Sie heute Nachrichten schauen, denken Sie manchmal, na Freundchen, wir sehen uns in 20 Jahren wieder!

Ja, schon. In 20 Jahren wissen wir, wie sehr die Wissenschaftler, die lange schon vor dem Klimawandel warnen, recht gehabt haben werden. Politikerinnen und Politiker, die das Problem heute als nachrangig betrachten oder auch nur als eines, das kurzfristig übertrumpft werden kann von irgendwelchen anderen Dingen, die werden sich in 20 Jahren hoffentlich ärgern über den Account.

Was haben Sie noch gelernt durch diese Arbeit?

Ich habe sicherlich gelernt, dass wir viele Menschen, die wir jetzt in den Nachrichten sehen, auch noch in 20 Jahren darin sehen werden und dass man sie dementsprechend überprüfen kann und sollte. Und ich bin wesentlich sicherer geworden im Umgang mit dem Konjunktiv I.

© SZ/ebri/beg/khil

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