"Tagesschau" im neuen Studio "So etwas gibt es nirgendwo sonst"

Boetzkes führt durch die Ex-Havarie. Dabei ist auch Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell. Sowie Georg Grommes, der eigentliche Erfinder des neuen Studios, von dem er stolz sagt: "So etwas gibt es nirgendwo sonst." Großer Satz. Man fragt sich, ob es in Zukunft darin überhaupt noch Platz geben kann für Kleinigkeiten. Für hübsche Details. Eine Mitarbeiterin befreit Boetzkes nach seiner Moderation von ein paar Klammern, die sein Sakko-Rückenteil gestrafft haben, weshalb der ARDler für einen Augenblick nicht nur wie der ohnehin straffe Boetzkes aussieht, sondern sympathischerweise auch an eine Schaufensterpuppe denken lässt. Was immer zum neuen Ambiente zu sagen ist: Solche Szenen wird es nicht mehr geben. Segelschuhe und Jeans unten, dafür geklammertes Sakko und Krawatte oben: vorbei.

Die Moderatoren und Sprecher der vielen Tagesschau-Ausgaben, der Tagesthemen, des Nachtmagazins und der Digital-Sendungen von tagesschau24 werden ganz zu sehen sein; sie werden räumlich agieren wie auf einer Bühne - und zwar zwischen zwei organisch gerundeten, dynamisch sich nach unten verjüngenden Tischen in Flügelform einerseits und der 18 Meter langen Panorama-Medienwand andererseits, die, unterstützt von sieben Beamern, Bilder wie im 3-D-Kino liefern kann.

"Kommen Sie gut durch die Nacht"

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Die Münchner Firma Billionpoints, die man als Entwurfsverfasserin des neuen Studios schon deshalb nennen sollte, weil die ARD (genau wie das ZDF und alle anderen) leider immer auf die Nennung von Architekten und Gestaltern verzichtet, Billionpoints also ist bekannt für Studio-Architekturen. Jürgen Bieling, 48 Jahre alt und Chef der kleinen Münchner Firma, hat schon Al-Jazeera in Doha ausgestattet, ein Studio in Kairo entwickelt - und auch das Set für CCTV in Peking entworfen, das demnächst zu sehen sein wird. Lustigerweise stammt auch der merkwürdige ZDF-Tisch, Sofalandschaft und Einbaum-Konstruktion in einem, von Billionpoints.

Lustig ist das deshalb, weil die ARD erst mal die Mainzer Kollegen fragen musste, ob es was ausmache, wenn man nun den gleichen Designer . . . nein? . . . und weil man dann dem ZDF-Einbaum-Erfinder sagte, er solle genau das Gegenteil entwerfen. Das ARD-Studio solle dem vom ZDF "diametral", so Bieling, entgegenstehen. Das ist auch so. Und das ist gut so.

Was nicht nur an dem Lerchenberg-Einbaum liegt, der erstens so sehr nach angesagtem Bio-Öko-Manufactum-Holz aussieht, wie das die Möbelmessen schon seit 20 Jahren tun, und den man sich zweitens mitsamt Marietta Slomka gut als Exponat der außereuropäischen Sammlungen im Humboldtforum vorstellen kann. Vor allem liegt es auch daran, dass das ZDF-Studio ein virtuelles Studio ist, also eines, in dem die Bildfreistellung verwendet wird. Das ist ein Verfahren, das es ermöglicht, Personen nachträglich vor einen Bild-Hintergrund zu setzen. Im Film Und täglich grüßt das Murmeltier gibt es eine Szene mit Bill Murray und Andie MacDowell, die den Nachteil virtueller Studios illustriert: Moderatoren, die sich in einem nahezu leeren, bildlosen Studio bewegen, wirken oft etwas nebulös, ja bisweilen unscharf. Das gilt sogar für den großartig kantigen Claus Kleber, dem man bei aller Virtuosität auch etwas mehr Nichtvirtualität wünscht.

Zamperoni-taugliches Amöben-Möbel

Von der Virtualität, und das ist tatsächlich eine kleine Revolution, verabschiedet sich nun die ARD. Entlang der gigantischen Medienwand können die Moderatoren in Zukunft zu und über die Bilder sprechen. Das heißt aber auch: Bilder werden noch wichtiger. Noch gesprächiger. Und wenn sie bislang schon mehr als tausend Worte sagten, so wird ihre Botschaft in Zukunft noch umfassender sein. Nebenwirkung: Emotionalisierung. Was die Ankerfrauen und Ankermänner vom Ersten dann noch zurückhaltend an ihrem schmucken, in der Höhe verstellbaren, Zamperoni-tauglichen Amöben-Möbel sagen, könnte dann zweitrangig werden. Darin liegt eine Gefahr: Dass aus den Nachrichten ganz großes Kino wird.

Gut vielleicht, dass die neuen Tische etwas nach Feierabend-Lounge aussehen - und aus einem bestimmten Winkel von vorne an die freistehende Humoresken-Badewanne des Tebartz-van Elst erinnern. Das lindert manch dramaturgische Wucht.