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CNN-Reporterin:"Der Nikab fühlt sich an wie mein Tarnumhang"

Dass sie vor der Kamera Abaya trägt wie hier in Syrien 2016, ist für Clarissa Ward selbstverständlich, sagt sie - zum Tee bei der Queen würde sie ja auch nicht in Jeans gehen.

(Foto: CNN)

CNN-Chefkorrespondentin Clarissa Ward hat keine Angst vor Nähe, in Syrien ebenso wenig wie bei den Taliban. Über eine Kriegsreporterin, die nie zu wenig fühlen darf - und nie zu viel.

Bei den Taliban hatte sie eine Erkenntnis. Eine recht simple Wahrheit eigentlich, sagt Clarissa Ward, aber es fühlte sich an wie eine Offenbarung. Ward sitzt auf einer winzigen Bühne in einem der schickeren Münchner Restaurants und erzählt dem Publikum - viele Frauen in High Heels und wenige Männer in Sakkos - eine Geschichte, die auf den ersten Blick mit Hautpflege zu tun hat. Es war Februar, sie war als Reporterin 36 Stunden auf Taliban-Gebiet unterwegs. Was bedeutete, dass sie dort auch übernachtete, im abgetrennten Bereich mit den anderen Frauen. Am Abend, vor dem Schlafengehen, schmierte sie sich Feuchtigkeitscreme ins Gesicht. Die Frauen guckten. Und tuschelten. Ward, die sieben Sprachen mehr oder weniger perfekt spricht, bereute in diesem Moment, dass Paschtu nicht dazugehört, sagt sie. Aber sie bot den Taliban-Frauen ihre Creme an. Die tupften, probierten, die Runde lachte. Sie verstanden sich. Wards Erkenntnis, schlicht wie wahr: Am Ende sind alle Menschen einfach nur Menschen.

Clarissa Ward, 39 Jahre alt, ist seit Sommer 2018 internationale Chefkorrespondentin des amerikanischen Fernsehsenders CNN, mit Sitz in London. Sie ist zu einer Veranstaltung von "Women for Women International" nach München gekommen, einer Organisation, die Frauen in Kriegsgebieten hilft. Dort kennt Ward sich aus. Sie war oft in Syrien, hat aus dem Irak berichtet, aus Jemen, Bangladesch und Peking, von den Anschlägen in Paris und vom Tsunami in Japan, eigentlich von überall, wo in den vergangenen 15 Jahren gerade ein größerer Konflikt war. Es wäre leicht, sich von ihren Auszeichnungen einschüchtern zu lassen. Zwei Peabody Awards, fünf Emmys, den "Excellence in International Reporting"-Preis des International Center for Journalists und so weiter.

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Man würde dann aber übersehen, dass es Clarissa Ward in ihrer Arbeit letztlich nicht um Terror, Leid, Krieg und geopolitische Machtkämpfe geht, sondern um etwas ganz einfaches. Ums Menschsein - um das, was uns alle als Menschen ausmacht.

Frühstück im Hotel am Morgen nach dem Charity-Dinner, es ist spät geworden am Abend, Ward holt sich trotzdem um 7.30 Uhr einen Kaffee. Ein kleines Croissant dazu, Marmelade, sie tippt noch schnell etwas auf ihrem Handy, dann ist sie voll da. Wie passt es zusammen, dass sie am einen Tag mit schusssicherer Weste in den Nahen Osten reist und am nächsten mit Hochsteckfrisur bei Häppchen und korrespondierenden Weinen auftritt? "Natürlich ist das schräg", sagt sie. "Man fühlt sich manchmal wie ein Alien in der eigenen Haut, wenn man zurückkommt in sein wirkliches Leben." Aber es hilft ja nichts. Sie sieht das so: Wenn man etwas bewirken will, muss man sich eben auch mal schön anziehen, zu Fundraisings gehen und die entscheidenden Leute auf die entscheidenden Dinge aufmerksam machen.

Im Fernsehen sehen sie Ward, live zugeschaltet aus Syrien, in Bluse und Blazer, oder aus Iran, mit Kopftuch. Sie sehen Ward, wie sie komplett verschleiert einen Arzt in einem Taliban-Krankenhaus befragt, wie sie durch die Überreste syrischer Städte führt, wie sie bewaffneten Dschihadisten gegenübersitzt.

Wer sind die Taliban heute? Hat sich ihr Verständnis des Islam geändert? Wie lebt es sich, wenn sie regieren? Dass Ward zu diesen Fragen recherchieren konnte, machte ein afghanischer Filmemacher möglich. Er nahm sie und ihre Produzentin mit auf das Territorium der Terrorgruppe, sie blieben relativ unbehelligt. Zwei Frauen in Begleitung eines afghanischen Mannes, da wäre es unhöflich zu fragen, woher sie kommen und wer sie sind. "Ein Mann hätte die Geschichte nicht machen können", sagt Clarissa Ward. Allein schon, weil sie, komplett verschleiert, nicht sofort als westliche Journalistin erkannt wird. "Der Nikab fühlt sich an wie mein Tarnumhang." Sie trägt den Schleier nicht nur aus Sicherheitsgründen, sondern auch, um kulturelle Traditionen zu respektieren. Ist ja nur angebracht, wenn man Gast ist, findet sie.