bedeckt München

Medienhalbwertzeit:Die vergessenen Kriege

Konflikt in Berg-Karabach

Ein armenischer Soldat hält die Stellung in einem Unterschlupf nahe der Front.

(Foto: -/AP/dpa)

Syrien, Jemen, Bergkarabach: Im Corona-Jahr lösen Kriege und Krisen auf der Welt bloß noch Achselzucken aus

Von Joachim Käppner

Der Krieg ging ins zweite Jahr, Madrid lag im Novembernebel, er schützte wenig vor den Granaten und Bomben der Belagerer. "Jede Nacht konnte man deutlich vom Hotel aus die Maschinengewehre knattern hören und das dumpfe Dröhnen der Granatwerfer. Was am Tag normal war, wurde nachts zu etwas ganz Fremdartigem", schrieb die junge Reporterin Martha Gellhorn 1937 aus der Hauptstadt der spanischen Republik, die sich mühsam behauptete gegen die Angriffe der faschistischen Putschtruppen, noch. Martha Gellhorn gehörte mit ihrem Ehemann Ernest Hemingway zu den wenigen ausländischen Journalisten, die aus Spanien berichteten. Sie schrieb mit Leidenschaft für die Republik und gegen den Faschismus an - und wusste doch im Herzen, dass sich in der westlichen Welt kaum jemand für Spaniens Existenzkampf interessierte: "Wie soll man jemals bloß erklären, wie das alles hier wirklich ist?"

Ähnliche Fragen stellen sich die wenigen Reporter, die heute aus den bloodlands Syriens berichten, über den libyschen Bürgerkrieg, über die islamistischen Angriffe in der Sahelzone, über den Staatsterror Chinas gegen die Uiguren, blutige Kämpfe in Jemen, die endlose Gewalt in Afghanistan oder nun, aktuell, den Krieg in Bergkarabach. All die vielen Menschen, die Betroffene dieser Konflikte sind, dürften sich fühlen wie die Bewohner von Madrid 1937: als hilflose Opfer und Objekte eines Dramas, das die Welt draußen kaum oder nur insofern interessiert, wie sie möglichst wenig damit in Berührung kommt.

Ein Grund mag sein, dass es kaum unabhängige Medienberichte gibt

Die Kriege der Gegenwart werden nur noch selten zwischen Staaten und mit großen Armeen geführt. Sie sind asymmetrisch - und damit noch unüberschaubarer, komplexer, unverständlicher, wie in Jemen oder eben jetzt in Bergkarabach, einer von christlichen Armeniern bewohnten Enklave, die völkerrechtlich zum turksprachigen und muslimischen Aserbaidschan zählt.

Wahrscheinlich tun sich die meisten Menschen in Westeuropa schwer damit, Bergkarabach auf der Landkarte zu finden. Ähnlich rätselhaft dürfte es vielen erscheinen, wer dort gegen wen kämpft und warum eigentlich. Selbst im digitalen Zeitalter erinnern solche Kampfgebiete an jene Landkarten aus der Zeit der Entdecker, auf denen das Unbekannte schlicht mit "hic sunt leones" bezeichnet wurde, hier gibt es Löwen. Dabei ginge den Westen diese Krise schon deshalb eine Menge an, weil sie Russland, den Schutzherrn des kleinen Armenien, und die Türkei mit hineinzieht und ein gewaltiges Explosionspotenzial besitzt.

Ein Grund, aber der oberflächlichste, für den Mangel an Anteilnahme mag sein, dass es kaum unabhängige Medienberichte gibt. Das Gebiet ist für Reporter sehr schwer zugänglich, beide Seiten zeigen nur, was sie zeigen wollen. Anders als etwa in Israel und den besetzten Gebieten, wo schon kleinere Ausbrüche von Gewalt rund um den Globus berichtet werden, bleibt der Krieg in Jemen oder in Bergkarabach so undurchsichtig wie der Novembernebel in Madrid 1937.

Diese Indifferenz ist, natürlich, auch eine Folge der globalen Corona-Pandemie, und keineswegs nur, weil die Reisebeschränkungen das Kampfgebiet noch schwerer erreichbar machen. Anders als Artilleriegefechte bei Stepanakert ist die Seuche nicht weit fort, sondern sie betrifft jeden und kann jedermann treffen. Sie ist Teil des Alltags, kostet manche ihren Job und gewohnte Sicherheiten, andere Gesundheit und Leben. Man könnte salopp sagen: Leser und Zuschauer reagieren ermattet auf Berichte aus fernen Krisenregionen.

Die Corona-Krise hat die Welt so fest im Griff, dass selbst die Medien des Westens nur müde und halbherzig reagieren, wenn irgendwo im Kaukasus die Panzer das Feuer eröffnen. Leider sieht es so aus, als habe die freie Welt weder ausreichend Geduld noch Nerven dafür, solche Konflikte einzudämmen oder sich energisch um Lösungen und Vermittlung zu kümmern.

Angefangen hat diese Ermüdung aber lange vor Corona schon, in den Neunzigerjahren. Damals dachten viele wie der US-Politologe Francis Fukuyama, nach dem Sturz der kommunistischen Diktaturen sei "das Ende der Geschichte" zumindest vorstellbar: eine säkulare Heilserwartung vom Sieg der Aufklärung, der Menschenrechte und der Freiheit über ihre gefährlichsten Widersacher.

Diese Vorstellung erwies sich als Illusion, von den Balkankriegen über 9/11 bis zum katastrophalen Irakkrieg der USA von 2003 an, durch die Ukrainekrise 2014, den IS-Terrorstaat. Der Dauerkonflikt mit so vielen Beteiligten in Syrien ist geradezu zum Menetekel dieser neuen Weltunordnung geworden; und fast keine der Kriegsparteien taugt dazu, sich mit ihr und ihrer Sache zu identifizieren. Und obwohl Millionen Flüchtlinge aus dem Horror solcher Kriege kamen, sehr viele nach Deutschland, bleibt das Interesse der meisten Menschen daran gering und die Hilflosigkeit groß.

Niemand verkörpert diesen Überdruss prominenter als US-Präsident Donald Trump; dieser Überdruss half 2016 sogar mit, ihn ins Weiße Haus zu befördern. Trump versprach seinen Wählern, sich nicht mehr kümmern zu müssen um die Händel der Welt, eine populistische Variante eines in Wellen wiederkehrenden amerikanischen Isolationismus. Viele seiner Anhänger wollen in der Tat im Netz, in Zeitungen, im Fernsehen nichts mehr sehen und hören von Kriegen, Krisen und Konflikten, in denen US-Soldaten sterben, ohne dass man genau sagen könnte, wofür. Je weniger wir damit zu tun haben, desto besser für uns in Amerika: Das war schon die Haltung der Isolationisten in den Dreißigerjahren; auch damals als Reaktion auf eine enttäuschte Hoffnung (dass nach dem ersten Weltkrieg eine bessere internationale Friedensordnung entstehen möge).

Der Preis der Wiederholung freilich ist heute hoch: zerrüttete Bündnisse und Beziehungen, die kurdischen Verbündeten der USA in Syrien wurden über Nacht verraten und verkauft; die afghanische Zivilgesellschaft wurde nicht einmal gefragt, als Trump den Taliban den Abzug der letzten US-Truppen versprach.

Intensiver Blick auf den eigenen Bauchnabel

Die Haltung vieler Deutscher ist ähnlich; Jahrzehnte her, dass junge Deutsche wie 1967 für das Existenzrecht Israels demonstrierten oder dass die 68er auf den Straßen "Ho-Ho-Ho tschi Minh" skandierten; dass eine Friedensbewegung Hunderttausende mobilisierte wie 1981. Dabei geht der Konflikt in Berg-Karabach speziell die Deutschen weit mehr an, als es erscheinen mag. 1915, das Kaiserreich war im Ersten Weltkrieg mit den Türken verbündet, ließ deren neue Regierung im eigenen Staat etwa 1,5 Millionen Armenier ermorden, in Massakern, Erschießungen, auf Todesmärschen. Der Krieg in Bergkarabach ist ein fernes Echo dieses Genozids.

Aber wenig deutet darauf hin, dass die Kriegsopfer auf der Welt in der westlichen Öffentlichkeit künftig mehr erfahren als achselzuckendes Bedauern oder gar den erklärten Willen, sich nicht darum zu scheren. Die fernen Krisen sind zu komplex, entziehen sich einfachen moralischen Deutungen und Solidarisierungen. Viel intensiver beschäftigen sich die westlichen Gesellschaften und ihre Medien mit dem eigenen Bauchnabel und der eigenen Befindlichkeit, mit sich selbst, mit Debatten um Korrektheit und Identität, die, so berechtigt sie subjektiv erscheinen mögen, den Menschen in den brennenden Bergen von Karabach vorkommen müssen wie die Luxussorgen einer Welt, die noch viel weiter fort erscheint als ein paar Tausend Kilometer.

So bleibt beklemmend gegenwärtig, was Goethe in "Faust" schrieb: "Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen / Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, / Wenn hinten, weit, in der Türkei, / Die Völker aufeinander schlagen. / Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus / Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten; / Dann kehrt man abends froh nach Haus."

© SZ/hy/tyc

Bergkarabach
:Ein politisches Trauma

Im Konflikt um Bergkarabach sind Aserbaidschan und Armenien in einem verheerenden Kreislauf aus Gewalt und Gegengewalt gefangen.

Von David Leupold

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite